Annette Craß muss sich überwinden, die Schimpfworte auszusprechen, die sie von ihren Schülern zu hören bekam. "Blöde Kuh" oder "Sklaventreiberin" gehörten dabei nicht zu den schlimmsten. Dabei hatte Annette Craß ihr Bestes gegeben. Die Fehler, die ihr passiert sind, waren kaum zu vermeiden. Drei Monate lang arbeitete die 41-Jährige aus Darmstadt als Vertretungskraft in einer Gesamtschule, obwohl sie keine ausgebildete Lehrerin ist.

Seit der Einführung der sogenannten "Unterrichtsgarantie Plus – für eine verlässliche Schule" können Hessens Schulen für ausfallende Unterrichtsstunden selbst Vertretungskräfte engagieren, Personen, die die Schulleitung im Auswahlgespräch für fähig befunden hat, die jedoch keine pädagogische oder fachspezifische Ausbildung haben müssen.

Annette Craß hat zwei verschiedene Studiengänge angefangen, aber keinen von beiden abgeschlossen. Als sie bei der Abschlussfeier ihrer ältesten Tochter von der Schuldirektorin gefragt wurde, ob sie als Vertretungskraft für die Schule arbeiten wolle, sah sie darin eine neue berufliche Perspektive. Sie hatte viele Jugendprojekte betreut und wurde als "pädagogisch qualifiziert" eingestuft. Pro Vertretungsstunde bekam sie deshalb 20 Euro Lohn, der je nach pädagogischer Vorbildung zwischen 15 und 26 Euro liegen kann.

"Ich habe mich für einen stabilen, belastbaren Menschen gehalten, der mit Kindern sehr gut umgehen kann", sagt Annette Craß. "Ich musste das Bild von mir selbst revidieren." Manchmal, erzählt sie, wurde sie nur eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn angerufen und gefragt, ob sie eine ausfallende Stunde übernehmen könne. Sie war weder auf den Unterricht vorbereitet, noch kannte sie die Namen der Schüler. Als Vertretungskraft konnte sie auch nicht mit dem letzten Mittel hilfloser Lehrer, der Androhung von Strafarbeiten oder schlechten Noten, für Disziplin sorgen. Die Schüler nahmen sie nicht ernst, Annette Craß fühlte sich vollkommen überfordert. Nach insgesamt 40 Unterrichtsstunden als Vertretungskraft gab sie auf.

Bevor Seiteneinsteiger wie Annette Craß die Lehrerkollegien an hessischen Schulen verstärkten, fielen in ganz Hessen durchschnittlich 17.500 Unterrichtsstunden pro Woche aus. Diese Zahl sei durch die "Unterrichtsgarantie Plus" auf nahezu null gesenkt worden, sagt Christian Boergen, Pressesprecher des hessischen Kultusministeriums. Für ihn ist das Projekt ein "durchschlagender Erfolg". Eltern und Lehrerverbände sehen das anders und kritisieren die Ersatzlösungen heftig.

Jochen Nagel, Vorsitzender der hessischen Lehrergewerkschaft GEW, nennt das Modell "bestenfalls eine Betreuung, jedoch keine Unterrichtsgarantie. Die Kinder haben Anspruch auf Unterricht, der nicht von Hilfskräften durchgeführt wird." Natürlich lassen sich auch positive Beispiele finden, die dem Fall von Annette Craß widersprechen würden. In Zeiten aber, in denen Deutschland, aufgerüttelt durch die Ergebnisse internationale Bildungsrankings, lauthals nach besseren Standards schreit, stellt sich die Frage, ob Geschichten wie die der hessischen Ersatzlehrerin in deutschen Klassenzimmern überhaupt noch passieren dürfen.

Auch in Nordrhein-Westfalen werden für ausfallende Unterrichtsstunden befristet Vertretungskräfte eingesetzt, die, werden keine regulären gefunden, ihre pädagogische Eignung nicht unbedingt durch ein Lehramtsstudium nachweisen müssen. Über das Internetportal Verena kann man sich über offene Stellen informieren und erfahren, welche Vorteile der Vertretungsunterricht bringt. Da wären zum Beispiel die "finanzielle Überbrückung von Wartezeiten" oder die "persönliche Orientierung im Hinblick auf eigene Berufserwartungen". Diese Argumente sollen Menschen überzeugen, die Zukunft unseres Landes zu unterrichten.

Die Öffnung des Lehrerberufs für eine breitere Zielgruppe liegt jedoch nicht am fehlenden Anspruch der Landesregierungen. Mit Alternativen geben sie sich auch deswegen zufrieden, weil in Deutschland klassisch ausgebildete Lehrer fehlen – vor allem in ländlichen Gebieten und in naturwissenschaftlichen Fächern.

In den sechziger Jahren sorgte der Babyboom dafür, dass bundesweit so viele Lehrer wie nie eingestellt wurden – dann jedoch, als der Bedarf gedeckt schien, über mehrere Jahrzehnte fast überhaupt niemand mehr.

Nahezu 40 Prozent der Lehrer sind deswegen heute älter als 55 Jahre – eine ganze Lehrerbasis wird bald in den Ruhestand entlassen. Die Pensionswelle, aber auch die sinkende Attraktivität des Lehrerberufs sind Gründe dafür, dass nach Angaben des Deutschen Philologenverbandes bis 2015 etwa 80.000 Lehrer an deutschen Schulen fehlen werden.

Deswegen werden vielerorts nicht nur Akademiker gesucht, die kurzfristig für den Vertretungsunterricht einspringen, sondern sich langfristig zu Lehrern umschulen lassen. In Nordrhein-Westfalen etwa werden Lehrer, verstärkt ab 2010, vor allem an Haupt-, Real- und Gesamtschulen in den Fächern Mathematik, Deutsch oder Englisch und an Berufskollegs noch in den nächsten zwei Jahren für Elektrotechnik oder Informatik gesucht.

Für die sogenannten Seiteneinsteiger gibt es verschiedene Möglichkeiten, den anerkannten Lehrerstatus zu erreichen. Die erste Variante nennt Erika Altenburg, Dezernentin für Lehrerausbildung bei der Bezirksregierung Köln, die "Kaltwassermethode": Akademiker mit Berufserfahrung können sich ihren Hochschulabschluss als Erstes Staatsexamen anerkennen lassen und sich damit um eine freie Stelle und für den damit verbundenen berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst bewerben.

Von Anfang an unterrichten sie dann die reguläre Pflichtstundenzahl, sieben Stunden die Woche werden sie davon in Seminaren fortgebildet. Nach zwei Jahren können sie das Zweite Staatsexamen ablegen, danach arbeiten sie unbefristet an einer Schule weiter. Einen schonenderen Einstieg haben Aspiranten, die wie traditionelle Lehramtsstudenten als Referendare am Vorbereitungsdienst teilnehmen, dann regulär das Zweite Staatsexamen absolvieren und sich anschließend auf freie Lehrstellen bewerben.

Eine der ersten Seiteneinsteigerinnen ist Dorothée Annas-Sieler, 40, gewesen. Vollkommen unerfahren kam sie vor knapp fünf Jahren an eine Siegburger Hauptschule, mittlerweile hat sie sich pädagogisch wie fachlich bereits so bewährt, dass sie als Fachleiterin sogar nun selbst Referendare prüft.

Insgesamt sind mehr als 2000 Seiteneinsteiger wie sie zwischen 2001 und 2006 in nordrhein-westfälischen Schulen eingesetzt worden. Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung NRW, sieht dies kritisch: "Der Seiteneinstieg ist im Grunde eine Notlösung, die nach außen signalisiert, dass die Hürden zum Berufseinstieg immer geringer werden. Das schadet dem Image des Lehrerberufes."

Schule, Lehramtsstudium, wieder Schule – viele befürworten auch, dass Lehrerzimmer durch Praktiker mit unkonventionellerem Lebenslauf aufgemischt werden.

Ranga Yogeshwar, 47, studierter Physiker, Vater von vier Kindern, Moderator der Sendung Quarks und Co und in Deutschland so etwas wie das heilige Vorbild eines Naturwissenschaftlers, befürwortet Seiteneinsteiger – und unterstützt die Aktion "Zukunftsberuf Lehrer/in NRW".

"Der Lehrermangel in den naturwissenschaftlichen Fächern bringt uns in eine brenzlige Situation. Da sind die Seiteneinsteiger nicht die allerbeste Lösung, aber auf jeden Fall besser als gar keine Lösung. Deutschland lebt von Ingenieuren und Technikern. Schüler, die fragen: ›Physik – was ist das?‹, weil sie keine guten oder gar keine Physiklehrer hatten, werden das Fach später bestimmt nicht studieren und zu ihrem Beruf machen." Allen Ängsten zum Trotz sieht Yogeshwar in den Praktikern aus dem Leben auch eine Chance – nämlich die, den meist hermetisch abgegrenzten Raum Schule zu öffnen. Er fordert, Seiteneinsteiger nicht vorschnell zu verurteilen, und unterstreicht dies mit einem Argument, das so mancher Schüler bestätigen mag: "Schließlich hat auch nicht jeder traditionell ausgebildete Lehrer unbedingt ein glückliches Händchen für den Unterricht."