Diese Geschichte über Utz Claassen besteht aus zwei Teilen, aus einem längeren Spazierganng um den schönen Maschsee in Hannover, mit dem Versuch herauszufinden, wie dieser Mann tickt, der von sich mal sagte, er sei »lieber ein Rambo als ein Bambi«. Und dann noch aus einem Telefongespräch, das nötig wurde, weil Claassen wenige Tage nach unserem Spaziergang in einer Presseerklärung sein überraschendes Ausscheiden als Chef des Energieunternehmens EnBW ankündigte. Seither überschlagen sich die Spekulationen, ob Claassen Opfer einer Intrige geworden sei, ob er sich gründlich verkalkuliert habe und nun vor einem tiefen Karrieresturz stehe.

Der Spaziergang. Ein schöner Sommertag. Blauer Himmel, fast blauer See. Utz Claassen hatte auf den ersten Metern ein bisschen zu überschwänglich geschwärmt von Hannover und dem Maschsee, nur im australischen Canberra habe er so etwas noch mal gesehen – »Ein richtiger See mitten in der Stadt!« –, da kam dieser Mann auf uns zu. Man kennt sich, klar, er war der stellvertretende Schuldirektor des Gymnasiums, durch das der Schüler Claassen geradezu gehetzt ist, zwei Klassen hat er übersprungen, am Ende stand ein Abiturdurchschnitt von 0,7.

Der Direktor sagte, die Lehrer hätten Angst gehabt vor Utz Claassen, im Lehrerzimmer habe es immer geheißen: »Um Himmels willen, was sollen wir dem Utz noch beibringen, der weiß doch mehr als wir?« Der Direktor verabschiedete sich, übrigens mit dem Hinweis, er habe viel zu tun, er sei nämlich auch der Verfasser des ewig zu aktualisierenden Diercke-Weltatlas, des Schulatlas mit der Millionenauflage.

Utz Claassen, das Wunderkind. Er mag gerne darüber reden, das merkte man. Eigentlich wollten wir mit dem Thema Klimawandel anfangen, damit, wie es um das Gewissen des Bosses des schwäbischen Energieriesen EnBW bestellt ist, angesichts der dramatischen Folgen einer möglichen Klimakatastrophe. Aber so gingen wir direkt am Ufer entlang, die Steine knirschten unter den Schuhen, und Claassen sagte, er sei nicht gerne zur Schule gegangen. Sie sei zu bürokratisch, zu eng, oft zu langweilig gewesen. Er sagte, er habe nie viel lernen müssen, höchstens ein paar Minuten vor einer Schulstunde, er habe lieber Fußball gespielt.

Einmal im Religionsunterricht habe er die Lehrerin gefragt, woher eigentlich die Heiligen Drei Könige kämen und warum einer von ihnen eine schwarze Hautfarbe habe. Die Lehrerin antwortete, er solle still sein. Claassen sagte, dies sei aber eine sehr gute Frage gewesen, heute existierten über die Herkunft der drei Könige die verschiedensten seriösen Theorien. Und er sagte noch, er habe sich in seinem Leben frühzeitig daran gewöhnt, immer der Jüngste zu sein. Als er Chef wurde, sei er ja häufig 20, 30 Jahre jünger als seine Mitarbeiter gewesen. Heute ist Utz Claassen 44 Jahre alt.

Ob er in seinem Leben schon mal Grenzen gespürt habe? Er schwieg, überlegte ziemlich lange, schätzungsweise 30 Spaziergangsmeter lang. Nein, meinte er dann, nein. Sicher, an der Universität, vor allem damals in Oxford, sei die Arbeitsbelastung schon sehr hoch gewesen, aber Grenzen gespürt? Nein. Auch später als Topmanager nicht bei seinen bisherigen Stationen: McKinsey, Ford, Seat, Sartorius AG, EnBW. »Ich hatte das Glück, noch nie eine Aufgabe gestellt zu bekommen, die ich nicht lösen konnte.«