Ein Streichquartett in c-Moll. 1960. Fünf Jahre nach der Uraufführung von Boulez’ Livre pour quatuor in Donaueschingen, nach den Quartetten von Berio, Carter und Cage. In welchem Jahrhundert lebte dieser Dmitri Schostakowitsch? Sein achtes Streichquartett op. 110, offiziell Den Opfern von Faschismus und Krieg, insgeheim als »autobiografisches Quartett« dem Komponisten selbst gewidmet, führt mitten hinein in die Widersprüche seiner Biografie wie seiner Musik. Schostakowitsch war aufgebrochen in der kurzen Morgenröte der jungen Sowjetkultur. Dass er 1936 seine vierte Symphonie zurückziehen musste, um nicht im Gulag zu enden, markierte den Abschied von der Avantgarde. Mit 30 ist Schostakowitsch künstlerisch und menschlich eine gebrochene Existenz. Fortan komponiert er Musik im Schatten Stalins. Eine Oper wie seine Lady Macbeth von Mzensk, die die Krise ausgelöst hatte, schreibt er nicht mehr. Trotzdem machte ihn die Diktatur zum politischen Komponisten, sein Werk wird – das gilt für die 15, nur vermeintlich introvertierten und persönlichen Streichquartette nicht anders als für die Symphonien – zur Chronik einer Epoche.

Dass er diese weitgehend in Dur und Moll verfasste, hat ihm die westliche Avantgarde zum Teil bis heute nicht verziehen. Doch mochten seine erzählerischen Mittel auch ins 19. Jahrhundert gehören – verbraucht waren sie nicht. Das achte Streichquartett, neben der fünften und siebten Symphonie wohl sein populärstes Werk, ist dafür einer der überzeugendsten Belege. Fast manisch kreisen die fünf Sätze um die Tonfolge D-Es-C-H, Schostakowitschs musikalische Signatur. Über das ganze Stück ist ein Netz von semantischen Verweisen, Zitaten aus eigenen und fremden Werken gespannt: aus der ersten Symphonie zum Beispiel, die dem 18-Jährigen über Nacht den Durchbruch brachte, oder aus der Lady Macbeth, die zum persönlichen Trauma wurde. Ein Zitat aus dem Finale des zweiten Klaviertrios, das Melodik der jüdischen Volksmusik verarbeitete, erinnert an Schostakowitschs lebenslangen, teils versteckten, teils offenen Protest gegen den Antisemitismus. Ein Revolutionslied aus zaristischer Zeit klingt an, das jetzt von anderen »Zaren« singt.

All das und manch anderes lässt sich deuten, hilft beim Verständnis. Wissen muss man es nicht. Das achte Quartett, das erklärt seinen Erfolg, bleibt auch ohne Entschlüsselung ein Erlebnis von unmittelbarer emotionaler Wucht. Es ist eine Erzählung aus dem beschädigten Leben, die jeder verstehen kann. Noch einmal beschwört da jemand Musik, die im Beethovenschen Sinn »von Herzen zu Herzen« geht. Natürlich ist sie anfällig für Pathos, auch für Sentimentalität, Schostakowitsch wusste das am besten. »Dieses Quartett ist von einer derartigen Pseudotragik, dass ich beim Komponieren so viele Tränen vergossen habe, wie man Wasser lässt nach einem halben Dutzend Bieren.« Modern, avantgardistisch gar war diese Musik nicht – aber schon 1960 war sie zeitlos.

Schostakowitsch : Die Streichquartette. Emerson String Quartet. DG 463 284. 5 CDs