Eine Handvoll Dollar, Vertrauen, etwas Geduld. Das brauche ein Mensch, sagt Mohammed Yunus, Friedensnobelpreisträger, Ökonom und Banker. Mit dieser Grundausstattung hat er in Bangladesch Millionen Menschen aus der Armut geholt. Er bot ihnen Kleinstkredite an, mit deren Hilfe sie sich eine selbstständige Existenz schaffen konnten. Ein paar Hundert Euro für Nahrung, Kleidung, Telefon, Fernseher, Internet, Wohnung, Verkehrsmittel. Das brauche man, sagt der deutsche Sozialstaat, der den Mindeststandard für seine Bürger definiert und Millionen mit dem Nötigsten versorgt – plus öffentliche Güter, plus alle Bürgerrechte, die der Staat garantiert. Und von Brecht gibt es ein Gedicht, Der Zettel des Brauchens, das sagt: »Viele kenne ich, die laufen herum mit einem Zettel / Auf dem steht, was sie brauchen. / Der den Zettel zu sehen bekommt, sagt: das ist viel. / Aber der ihn geschrieben hat, sagt: das ist das wenigste. / Mancher aber zeigt stolz seinen Zettel / Auf dem steht wenig.« Was ein Mensch braucht, hängt von vielerlei ab, vor allem von der Kultur, in der er lebt. Ein Gedicht braucht mancher offenbar auch.

Von einem Skandal ist hier die Rede: Bedürfnisse sind kulturabhängig, eine Milliarde Menschen aber hat, ungeachtet aller Kulturabhängigkeit, selbst das Notwendigste nicht, kaum zu essen, zu trinken, kaum medizinische Hilfe und Schutz. Die Konsumentenklasse, die im Namen der Selbstbestimmung wissentlich auf Kosten der Selbstbestimmung ungezählter anderer lebt, ist reich ohne Maß. Sie braucht viel, und die Erde wird wärmer.

Der Skandal, der immer wieder kurz ins Bewusstsein schwappt, ruft Schulterzucken hervor, kaum mehr. Das Bevölkerungswachstum entmutigt. Die Weltwirtschaftsordnung ist als Gegner routinemäßig beliebt, nur gibt es auch die guten Kapitalisten, die ihr Geld mit Energieeffizienz machen. Selbst den Stromanbieter zu wechseln, sich über die Energieeffizienz des eigenen Computers kundig zu machen, an Brot für die Welt spenden: lästig, Kleinkram. Ein Fest mit Freunden in den Voralpen tröstet bequemer, sonst hilft etwas Wellness, die Grillparty mit ein paar Kilo Fleisch, der Wochenendtrip mit dem alten Renault in eine beruhigende Landschaft. Um sich etwas Gutes zu tun, mit erheblichem Ausstoß von Kohlendioxid. Und dann kommt die Unruhe wieder zurück.

Was braucht der Mensch? Ob in der Diskussion um Klimawandel und Armut, in der um die Reichweite der Menschenrechte, in der um den Mindestlohn, ums Grundeinkommen oder um Lebensqualität, in der Debatte, was ein Kind braucht und was zu einem Leben in Würde gehört, immer schwebt der Geist des Grundbedürfnisses über den Häuptern. Nur ist er angesichts von bald neun Milliarden Erdbewohnern mit ihren Milliarden verschiedenen Zetteln des Brauchens diffus. Nicht vom Brot allein lebe der Mensch, entgegnete dem Teufel in der Wüste Jesus von Nazareth, Brecht hingegen hielt die Reihenfolge fest, dass erst mal das Fressen komme. Das sind grobe Richtungsangaben, mehr leider nicht.

Grundbedürfnis: Das klingt verführerisch einfach. Einfacher als elementar kann ja nichts sein. Grimms Wörterbuch von 1854 kennt noch die dringende Notwendigkeit, die dem »Bedürfen« eigen ist, nennt deshalb die Notdurft als Beispiel, und diese Dringlichkeit hat als Bedeutung des Worts überlebt. Aber die Frage, was ein Mensch braucht, ist kaum gestellt, da zieht sie, unvermeidlich, Nachfragen hinter sich her: Was man braucht, um zu überleben? Nahrung, Wasser, etwas Kleidung, Medizin, ein Dach über dem Kopf, Schlaf. Oder um nicht zu zerbrechen? Je nachdem, vielleicht etwas Anerkennung, Liebe, Freiheit, Arbeit und Sicherheit, auch Kunst und Religion können helfen. Oder um glücklich zu sein? Schwierig. Um mit anderen Menschen halbwegs über die Runden zu kommen? Einen funktionierenden Staat, Familienplanung, sonst sehr variabel. Materielle Grundgüter, soziale Rechte, moralische Ansprüche und Anerkennung gehören je verschieden zum Elementaren, was Menschen brauchen, und lassen sich gegeneinander kaum aufrechnen.

Welcher Mensch überhaupt ist gemeint, an welchem Flecke der Welt, in welcher Epoche? Grundbedürfnisse sind nicht nur regional, sondern historisch relativ, sie hängen auch vom Menschenbild ab und vermischen sich mit Interessen oder mit Ideen vom Glück. Es ist keine hundert Jahre her, da war man in Deutschland mehrheitlich sicher, dass Kinder unbedingt Prügel brauchen, um passabel geraten zu können. Aber warum überhaupt Glück? Hat Sigmund Freud nicht ein für alle Mal festgehalten, dass mehr nicht zu machen sei, als unerträgliches Leiden in normales menschliches Unglück zu verwandeln?