Er starb unterernährt, zu Tode hatte er sich gespielt. 36 Jahre alt, abstinent gegenüber Alkohol und Drogen, starb er exakt im Alter seines Lehrmeisters Charlie Parker, kläglich, auf Tournee in Berlin, an einer nicht erkannten, spezifisch afroamerikanischen Diabetes: Eric Dolphy, kühner, explosiver Saxofonist, Bassklarinettist und Flötist, ein Meister im besten Zustand, nämlich vollendet und doch auf der Suche. Ein Besessener, der in der Garage wochenlang an einem Ton üben konnte, die Schärfe des Klangs wetzend, das Vibrato plättend. Ist je einer musikalisch und charakterlich John Coltrane so verwandt gewesen wie dieser, den selbst der raue Mingus einen "Heiligen" nannte und dessen Tod Coltrane so tief traf, dass er für ein halbes Jahr keine Platte aufnehmen konnte?

Vögel haben noch Töne zwischen den Tönen, sagte Dolphy. Die suchte er und nannte sein Spiel noch tonal, wo jede hörbare Verbindung zur Tonart verloren schien. Er hörte sie. Eine unbändige Kraft, ein unerschöpflicher Ausdruckswille entfesselt sich in dieser Musik, und das noch, wo sie still ist und umschwirrt von der ungespielten Musik, die Dolphy bis an die Grenzen des Free Jazz tragen sollte.

Als verspäteten Nachruf spielte er 1960 seine Ode to Charlie Parker auf dem Album Far Cry (Original Jazz Classics) ein. Ein ferner "Nachhall", fand Dolphy, schwinge von Parkers Tod bis zu seiner Resonanz in der Gegenwart, beides versuchte er zu spielen, hysterisch, klagend. Führen wir uns vor Augen, was da drei Tage vor Weihnachten 1960 in einem New Yorker Studio passierte: Eric Dolphy, der am Tag zuvor an der Seite von Ornette Coleman seine ersten Schritte in Richtung Free Jazz vollzogen hatte, zollt jetzt dem verstorbenen Lehrer den letzten Tribut. An seiner Seite das Trompeten-Wunderkind Booker Little, der zehn Monate später 23-jährig an Urämie sterben wird. Daneben der Drummer Roy Haynes, der noch mit Charlie Parker gespielt hatte und wie der Bassist Ron Carter wenig später in die Miles Davis Group eintreten sollte. Der Mann am Klavier schließlich, Jaki Bryard, hatte die Ode für Bird geschrieben.

Ein bis zum Platzen befeuerter Sound. Booker Little spielt eines seiner besonders lyrischen Soli, während Dolphy den schwirrenden Vogel vor seinem inneren Auge zu sehen scheint. Dieser kluge, introvertierte Mann hat in seiner Musik Radikalität, Empathie, Aufrichtigkeit deponiert. Jedes Hören befreit ihre Geister.