Schon als Zehnjähriger blätterte Joseph Nahmad gern in Picasso-Katalogen. Picasso ist sein Lieblingskünstler. Er hat in seiner späten Phase manchmal mehrere Bilder an einem Tag gemalt, er wollte Eindrücke, Wirkungen festhalten. Ich bewundere seine Schlamperei, seine Schnelligkeit, sagt Joseph, ich mag Geschwindigkeit. Vor vier Wochen feierte Joseph seinen 19.

Geburtstag. Der Teenager blättert heute nicht mehr nur in Katalogen, er ist Kunsthändler. Spezialgebiet: der späte Picasso.

Sein Vater und zwei seiner Onkel handelten schon mit Picassos, als Joseph noch nicht geboren war. Die Nahmads sind eine bekannte Händler- und Sammlerfamilie, Hunderte von Meisterwerken der klassischen Moderne sollen in ihren Lagern ruhen. Auf den großen Auktionen in London, New York und Paris sieht man die Nahmads meist in der ersten Reihe sitzen, die Onkel und Cousins, Brüder und Söhne überbieten sich zuweilen sogar gegenseitig. Seit Joseph sechs ist, darf er mit auf die Auktionen.

Inzwischen fordert Vater Ezra ihn auch schon mal auf, selbst die Hand zu heben, wenn ein Picasso günstig aufgerufen wird. Aber Joseph ist noch ein wenig schüchtern. Er ist kein Aufschneider, antwortet freundlich, aber in kurzen Sätzen.

Nach dem Besuch der Amerikanischen Schule in London absolvierte er ein einjähriges Art Business Program am Sothebys Institute. Dort lernte Joseph theoretisch, wie der Kunstmarkt funktioniert, wie Werte entstehen, welche Künstler einen soliden Preis haben. Der solideste Kunstwert, das weiß er, ist Picasso. Jetzt arbeitet Joseph in der Galerie seines dreißigjährigen Bruders Helly, lernt dort den Alltag des Geschäfts. Vielleicht studiert er nächstes Jahr noch Betriebswirtschaft, vielleicht macht er aber auch einfach so weiter.

Hat er nie den Wunsch gehabt, Ingenieur, Rechtsanwalt oder Feuerwehrmann zu werden? Oder sogar Künstler? Musste es unbedingt der Kunsthandel sein? Ja, sagt Joseph, so ein Familiengeschäft sei wunderbar. Und, fügt er später hinzu, man könne im Kunsthandel sehr viel Geld verdienen.

Einen der millionenschweren Picassos aus dem Besitz der Familie hat Joseph noch nicht verkaufen können, aber da sei einiges am Laufen. Er habe viele russische und arabische Freunde in London, deren Väter sich neuerdings für Kunst interessierten. Bei den Nahmads zu Hause hängen übrigens keine Picassos. Das wäre zu gefährlich, sagt Joseph. Daheim hängen Bilder, die seine Mutter malt.