Als der Schweizer Journalist Fritz René Allemann 1956 seine scharfsichtige Diagnose der frühen Bundesrepublik veröffentlichte, fand er den zugkräftigen Titel Bonn ist nicht Weimar. Vierzig Jahre lang behielt diese Formulierung ihre Geltung. Beobachtet man aber die Reaktion der SPD auf die neue Linkspartei, gewinnt man den Eindruck, dass auf der Ebene der Parteihierarchie die unterschwellige Befürchtung wächst: Berlin wird doch wohl nicht Weimar werden? Eine überzeugende Antwort auf "Die Linke" hat die SPD offenkundig noch nicht gefunden. In der älteren Generation der Funktionsträger ist der Abscheu, den der Name Oskar Lafontaine erzeugt, unüberhörbar. Das ist nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Parteiräson allzu verständlich.

Jemand, der beim Sturm auf den Parteivorsitz seine Genossen unlängst noch begeistert hatte, das Mammutministerium eines 80-Millionen-Landes begründungslos über Nacht verlässt und seiner Partei ebenfalls ohne ein Wort der Erklärung den Krempel vor die Füße wirft, verrät ein charakterliches Defizit, das dauerhafte Abneigung rechtfertigt.

Dass die Polemik gegen Lafontaine als einen der Vorsitzenden der Linkspartei erneut anschwillt, kann daher nicht überraschen.

Verblüffend ist aber, dass die SPD im Eifer ihrer Empörung keine pointierte Auseinandersetzung mit der "Linken" zustande gebracht hat.

Dafür müsste es freilich eine Persönlichkeit geben, die mit politischer und ökonomischer Sachkunde, intellektueller Souveränität und rhetorischem Schwung die Programmatik der "Linken" als das enthüllt, was sie tatsächlich ist: eine kunterbunte Mischung von Ressentiments, anachronistischen Postulaten, regionalen Eigenarten und jenem bösen Erbe, das der Steinzeitmarxismus der PDS bisher gespeichert hat. Eine Figur mit einem solchen Profil kann die SPD nicht aufbieten. Vorbei sind die Zeiten, da Carlo Schmid und Fritz Erler, Helmut Schmidt und Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel und Erhard Eppler mit Schwung eine solche Aufgabe übernommen hätten. Der Provinzialismus der beiden jüngsten Parteivorsitzenden schließt dieses Talent aus.

Die beklommene Frage nach einer Annäherung der Berliner Republik an ihre Weimarer Vorgängerin ist daher aus verschiedenen Gründen nicht so oberflächlich, wie sie zunächst wirken mag. Natürlich hat es zu Weimarer Zeiten keine PDS gegeben, aber die Wirkung der "Linken" wird in den alten Bundesländern ohnehin nicht von den Erben der deutschen Bolschewiki aus dem Gebiet der verblichenen DDR abhängen, sondern von abtrünnigen SPD-Mitgliedern, die sich via WASG an die Brust der PDS geworfen haben mit Lafontaine als neuem Rattenfänger an der Spitze.

Die Meinung von Kurt Beck führt geradewegs in eine Sackgasse