Dieses Buch war uns Ludwig Harig noch schuldig. Nicht nur, weil wir seinen Helden Roland Cazet schon aus früheren Werken kennen und doch nie wirklich kennenlernten. Die seit nunmehr zwanzig Jahren praktizierte Romankunst Ludwig Harigs aus dem autobiografischen Material gelangt hier zu einem Punkt, den sie bisher noch nicht erreicht hatte, nicht einmal am Schluss von Ordnung ist das ganze Leben im Sterbezimmer des Vaters.

Auf den letzten Seiten dieses neuen Buchs stirbt der Lebensfreund Roland Cazet allein in seinem Wohnzimmer in Dijon: kein Zeuge, kein Zeugnis, kein hinterlassenes Zeichen. Der Wahr-Erzähler muss die letzten Augenblicke aufstehen, sich kotzend über die Schüssel beugen, jäh sich an die Brust greifen, hinfallen, liegen bleiben aus der Nachempfindung ganz allein bewältigen. Es ist ein Balanceakt zwischen dem Protokoll strikter Körperreaktionen und gestalterischer Überhöhung. Die Lebensmaxime des Weltfahrers Roland "Ich nehme mir das Meine, wo ich es finde" muss im Rahmen dieses "wahren Romans" aber so exakt mit dem Anliegen des erzählenden Zuhausebleibers in Übereinstimmung gebracht werden, dass jeder das Seine findet und die Dinge zusammenkommen.

Das nachgeschriebene Leben sei nicht das aufgeschriebene Leben, sagte Ludwig Harig vor zehn Jahren. Nun feiert er seinen achtzigsten Geburtstag, und das Nachschreiben, also das mehr aus der Suggestivkraft der Sprache als aus der dokumentarischen Richtigkeit der Details schöpfende Darstellen wird mit den Jahren immer schwieriger, weil sich mit den Distanzen auch die Perspektiven verzerren. Das verlangt der Sprache immer mehr Wendigkeit ab. Wie ist denn ein Leser von heute an jenen Küchentisch zu bringen, an dem im Frühjahr 1950 Vater Harig und Bruder Hermann gemeinsam mit dem Gast Roland über einen Volksschulatlas gebeugt sitzen und die Karten von Deutsch-Südwestafrika studieren? Nur so, dass die Faszination dieses klischeegesättigten und zugleich anschauungslosen Fremden, die fiebernden Fingerbewegungen auf dem Papier, die existenzielle Neugier der jungen Abenteurer erfahrbar gemacht werden. Der Roman über den französischen Freund, mit dem der Erzähler schon in früheren Büchern im Café de la Paix in Lyon saß oder nach Palmyra fuhr, sprengt mit seiner Reiselust aufs Neue den vertrauten Sulzbacher Horizont Ludwig Harigs und führt doch in seinen besten Momenten zurück ins geschichtsgeladene Grenzgebiet zwischen Saarland und Burgund.

Die beiden Freunde hatten sich 1947 am Collège Moderne in Lyon kennengelernt und nie mehr aus den Augen verloren. Der deutsche Erzähler rekonstruiert im Buch das Leben des Freundes aus eigenen Erinnerungen, Briefen, Familienzeugnissen und geht zurück bis auf den 1855 geborenen Großvater Isidore Cazet, einen aufklärungsbeflissenen Dorfschullehrer der noch jungen Dritten Republik. Damit sind wir schon bei der Sache, die in der Literatur Ludwig Harigs stets am besten gelang: die große Geschichte, die nur in Halbsätzen spricht. " Mon Dieu!", sagt Rolands Vater Léon bei der Erinnerung an die Soldatenzeit im August 1917 in den Gräben bei Verdun, wo er leicht auf den Meldegänger Louis Harig, den Vater des Erzählers, hätte treffen können. " Oje!", antwortet bei der späteren Begegnung der beiden Väter der Deutsche und viel mehr werden sie dazu nicht sagen. Sie lachen und plaudern, doch in der Sprachlosigkeit, konstatiert der Erzähler, gibt es "kein Durchkommen in die Erinnerungshöhlen der Väter".

Das war auch schon früher Thema in den Büchern der Söhnegeneration.

Was dieser Roman auf den Spuren des Freundes aber zusätzlich freilegt, verfeinert das deutsch-französische Panorama. Beeindruckt war der Soldat Léon Cazet von der Art der Deutschen, es sich mit roten Fliesen, jugendbewegten Wandbildern, blumengeschmückten Tischen und wehmütigen Liedern in den Unterständen häuslich zu machen. Wäre dieses ans Herz gehende Mundharmonikaspiel und Volksliedersingen nicht gewesen, hätten die französischen Soldaten aus Langeweile und Ekel manchmal die Flinte ins Korn werfen mögen, erinnert sich Léon: "Doch ihr mit eurer Seelenruhe habt uns geradezu herausgefordert, montags in aller Frühe gegen euch weiterzukämpfen." Was indessen hinter dem "Schrecken deutscher Gemütlichkeit" steht, kann Vater Harig dem Vater Cazet auch nicht erklären. Und die Söhne brauchen das untereinander nicht mehr zu tun: Darin liegt der Kern dieses Romans.

Dem durch die Welt fahrenden Abenteurer Roland Cazet sitzen die Fischerin vom Bodensee, die Schlager von Marika Rökk oder Kristina Söderbaum von Anfang an tiefer im Ohr als die französischen Chansons.