Kein Schild an der Tür, das auf den Verlag oder auf seine Besitzerin verweist. Aufs Läuten der Klingel hin bellen zwei Hunde, laut, wütend.

Wenige Augenblicke später sind Schritte zu hören. Wir sind in einer ruhigen Straße in Berlin-Dahlem. Hier steht die kleine Villa, in der sich regelmäßig Günter Grass, Christa Wolf und George Tabori treffen.

Um nur die bekanntesten, die langjährigen und engen Freunde des Hauses zu nennen. Sie stoßen hier gerne auf ein neues Buch an, eine Theateraufführung, eine Verfilmung. Hat jemand Geburtstag, leidet unter Geldsorgen oder einer Scheidung, lässt er sich hier feiern oder aber trösten: Grass fand hier Halt, als sich die Medien seiner Vergangenheit bei der Waffen-SS annahmen - Christa Wolf, als sie sich nach der Wende heftiger Kritik wegen ihres angeblich systemtreuen Lebens in der DDR ausgesetzt sah. Die Verstorbenen: Günter Gaus, Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, war treuer Besucher in der Schweinfurthstraße, der französische Dramatiker Jean Anouilh, vor 50 Jahren einer der meistgespielten Autoren in Deutschland, war dem Haus verbunden. Hinter dieser Tür liefen die Fäden der Literatur, des Theaters, bisweilen auch der Kulturpolitik zusammen.

Sie tun es noch immer. Dank der Hausherrin, der mittlerweile 85 Jahre alten Verlegerin Dr. Maria Müller-Sommer, kurz: Maria Sommer. Fernab der Medienöffentlichkeit stiftete sie Arbeitsbeziehungen, Freundschaften, manchmal auch Abneigungen. Derart verborgen, dass keine Literaturgeschichte, kein Lexikon ihren Namen kennt. Einst nannte man solche Orte bürgerliche Salons: intime Mikrokosmen, private, ständeübergreifende Rückzugsräume für Lesungen, Diskussionen und Musik. Von der Welt abgeschieden, war man ihr dadurch überhaupt erst zugewandt.

Frau Sommer ist gleich so weit, sagt Mitarbeiter Bernd Schmidt im hellen Sommeranzug, ein Nicken, man tritt hinein in einen dunklen Flur. Kurz darauf wird die Tür zum Wohnzimmer geöffnet: Manuskripte, die sich an den Wänden emporstapeln. Auf Stühlen und samtbespannten, schweren Sesseln liegen Bücher übereinander, bilden Türme. Dunkle Biedermeiermöbel vervollständigen das wie in Bernstein konservierte Reich, in das, aufgrund einer vor dem Haus wachsenden Magnolie, nur abgemildertes Licht fällt.

Maria Sommer steht im Hintergrund. Fast übersieht man sie, so sehr ist sie Teil des Ensembles. An ihrer Seite die beiden Hunde: ein großer Schäferhund, der den Besucher mit aufgestellten Ohren anblickt, und ein kleiner, unruhiger Mischling. Frau Sommer bedeutet, Platz zu nehmen. Auf dem Sessel dort in der Ecke könne man es sich bequem machen. Maria Sommer öffnet die kleine Luke des Speiseaufzugs, der in die Wand eingelassen ist und Speisen aus der Küche im Souterrain heraufbefördert. Sie entnimmt ihm ein Tablett, auf dem eine Kaffeekanne, ein Stövchen, zwei Tassen und Gebäck platziert sind, stellt das Tablett auf den Tisch, gießt dann den Kaffee in die Tassen.

Jede Bewegung elegant berechnet, damenhaft korrekt und gleichzeitig so beiläufig und selbstverständlich, dass man nur ahnt, wie sehr die Leichtigkeit der Gesten beharrlicher Übung abgerungen wurde. Ja, ein preußisches Mädchen sei sie. Doch wenn sie ihre Arbeit hier einmal zusammenfassen dürfe, nun, sie sei eigentlich eine Puffmutter.