Es ist derselbe Himmel über beiden Geschichten, und die jungen Helden könnten ihn betrachten, wenn sie nach oben schauten. Sie könnten sich auch am Polarstern orientieren, an dem Stern, der sich nie von seinem Platz wegzubewegen scheint. Al-Qutb heißt er in der altpersischen Sprache Dari, die in Afghanistan gesprochen wird. Vater hat Nadschmah einst die Sternbilder erklärt. Und jetzt erinnert sich die Zwölfjährige sehnsuchtsvoll an diese Worte: "Solange du die Sterne kennst, wirst du nicht verloren gehen."

Doch Nadschmah geht verloren in Suzanne Fisher Staples Flüchtlingsroman Die Sterne über Peschawar. Viele Tausend Meilen davon entfernt, irren der 15-jährige mexikanische Miguel und seine zwei Jahre jüngere Schwester Elena durch die Sonorawüste, in Ann Jaramillos Roman La Lønea Der Traum vom besseren Leben. Nadschmah macht sich im Herbst des Jahres 2001 im Norden Afghanistans auf die Suche nach Bruder und Vater, die von den Taliban verschleppt wurden. Miguel und Elena versuchen die Grenze zwischen Mexiko und Kalifornien zu überqueren, um ihre Eltern und ihr Glück zu finden.

Zwei Leben in unterschiedlichen Welten, zwei verschiedene Geschichten, und trotzdem dreht sich alles um ein gemeinsames Ziel. " Ich brauche einen Platz, an dem ich mich sicher fühle", beschreibt Nadschmah ihren Zustand während der Flucht aus den umkämpften Bergregionen Nordafghanistan in ein Flüchtlingslager im benachbarten Pakistan, "und jemanden, der freundlich zu mir ist und mir hilft, das zu finden, was von meiner Familie übrig geblieben ist." Es ist der Hintergrund beider Romane, es ist der Hintergrund ungezählter Migrantenschicksale, vor allem junger Menschen.

Die Autorinnen kennen ihr Sujet. Suzanne Fisher Staples hat viele Jahre in Afghanistan und Pakistan gelebt und gearbeitet, und auch Ann Jaramillo weiß um die Situation mexikanischer Flüchtlinge, privat und beruflich. Wenn die herrschenden Zustände im (fiktiven) nordafghanischen Dorf Golestan und im pakistanischen Peschawar beschrieben werden, dann hat man als Leser nicht den Eindruck, die Geschichte spiele in hochgezogenen Kulissen. Das Leben es muss nicht dramatisiert werden: in seiner Armut, in der Bescheidenheit der Menschen, in den Augenblicken des Friedens, in der Schönheit der Landschaft und in seiner Ausweglosigkeit nach der Katastrophe.

Nadschmah erlebt sie als die Zwangsrekrutierung von Vater und Bruder durch die Taliban und den Tod von Mutter und neugeborenem Bruder im Bombenhagel amerikanischer Flugzeuge. Miguel und Elena drängen Tristesse und Perspektivlosigkeit in ihrem Heimatdorf San Jacinto zur Flucht und der Wunsch ihrer Eltern. Dafür werden sie sogar die fürsorgliche Großmutter verlassen müssen.

Natürlich montieren beide Autorinnen moralische Lichtblicke und hoffnungsvolle Visionen in die desaströse Realität. Als Möglichkeiten, die am Rande der Katastrophen durchaus lebbar sind oder sein könnten.

Bei Fisher Staples ist es das zufällige Zusammentreffen des Mädchens mit einer zum Islam konvertierten Amerikanerin, die in Peschawar eine kleine Schule für Kinder aus dem benachbarten Flüchtlingslager gegründet hat und deren Leben parallel zu dem Nadschmahs erzählt wird.