In New York, Rio, Tokyo muss die Erde mit den Live-Earth-Konzerten erst noch gerettet werden. Wer an diesem Samstagnachmittag stattdessen den Weg über Hasenmoor, Schafhaus und Wolfsberg wählt, findet die beste aller möglichen Welten bereits verwirklicht. Todesfelde bleibt rechter Hand zurück, jetzt noch das Auto auf einer knöcheltief verschlammten Wiese geparkt, dann sind es nur noch zehn Minuten zu Fuß nach Utopia, vulgo Bad Segeberg.

"Wo gibt es das sonst?", fragen unisono Bruno Haaks, der Bürgervorsteher, und Hans-Joachim Hampel, der Bürgermeister. Mag die Welt an Ballerspielen, Volksmusiksendungen und Tom-Cruise-Filmen irre werden, bei den Karl-May-Spielen im Schatten des Kalkbergs zu Häupten der Stadt bekommt der entfremdete Mensch der Digitalmoderne geboten, wonach er giert: das Authentische. Ein Gemeinschaftserlebnis. Die Wiederverzauberung der trostlosen Gegenwart. Sagen Bruno Haaks und Hans-Joachim Hampel. Im Programmheft zu WinnetouI. So ungefähr jedenfalls. Hier heißen Filme noch "Streifen", und wer von den Darstellern mehr als zehn Spielzeiten dabei ist, wird zum "Kalkberg-Urgestein" promoviert. Vierzehn Euro fuffzich zahlen die Kinder für den Eintritt ins Paradies der "erfolgreichen Familienunterhaltung". Papa hat Pressekarte.

"Achten Sie darauf, dass die Kinder während der Vorstellung nicht vor Begeisterung ihre Spielzeugmunition abschießen. Das stört die anderen Besucher", steht in den "Allgemeinen Vertragsbedingungen", die an das Blockhaus genagelt sind, in dem die "Krieger vom Stamme des Roten Kreuzes" im Bedarfsfall Erste Hilfe leisten. Auch weitere Verhaltensmaßregeln atmen Sinn und Geist Karl Mays, dessen letzter Vortrag zu Lebzeiten Empor ins Reich der Edelmenschen hieß (acht Tage später war er tot). Indianer, das sagen die Vertragsbedingungen auch, leben einen aktiven Umweltschutz vor, weshalb die Besucher nichts unkontrolliert wegwerfen sollen. Was sie selbst einwerfen dürfen, ist nicht weiter reglementiert - sechs Chicken-Wings mit Nachos und Salsa-Dip kosten 3,50 Euro. Ob die zwölfschüssige Silberbüchse aus dem Western-Store für 25,90 Euro oder das Gewehr Kansas Kid, 73 cm, 16 Euro, dem Pazifisten May gefallen hätten, darüber diskutiert die Familie mindestens so lange wie darüber, ob Winnetous weißer Lehrer wirklich Klekih-petra hieß oder nicht doch der Knäcki-Peter war.

Ökologisch unbedenklich sind jedenfalls die diversen Explosionen, die der Schurke Santer im Verlaufe des Nachmittags auf sein Gewissen lädt als Pulver wird hier Lycopodium verwendet, Bärlappsamen.

Ein gutes Drittel der 8000 Plätze ist besetzt, als um 15.02 Uhr Winnetou in die Arena reitet, begleitet von Martin Böttchers Filmmusik von 1962, die für Generationen von Deutschen das ist, was die Madeleines für Proust waren: ein Dietrich zum Öffnen des Schatzkästleins Erinnerung. Zwei Gänsehäute und einen Szenenapplaus später hat Erol Sander sein sanft scheuendes Pferd hinabbugsiert zum Grund des Theaters, das mal ein Steinbruch war. Der Hauptdarsteller führt die Rollentradition fort, wie es der Großflunkerer M. selbst nicht besser hätte erdenken können: Nach Pierre Brice, dem französischen Überindianer, und Gojko Mitic, dem jugoslawischen "Winnetou des Ostens", nun also der Häuptling aus Istanbul. Eben noch hat er mit Angelina Jolie, Brad Pitt und Anthony Hopkins unter der Regie von Oliver Stone gespielt, jetzt fügt er sich mit Joshy Peters als Intschu-tschuna dem Kommando von Norbert Schultze jr., dem Regie-Altmeister von Gute Zeiten, schlechte Zeiten und Erkennen Sie die Melodie?. Von Hollywood nach Schleswig-Holstein aus solchem Holz sind nicht nur edle Wilde geschnitzt, sondern echte Volksschauspieler.

Die Zuschauer danken den 80 Akteuren, 25 Pferden, zwei Kolkraben und dem einen Adler die Jagd nach höherer Gerechtigkeit mit zwei Stunden lang anhaltendem Wohlwollen. Stoisch ertragen sie nordische Schauer, gegen die Hollywoods Regenmaschinen Spritzpistolen sind. Aus der in jeder Lebenslage bewährten Ikea-Großraum-Tragetasche kramen sie regenbogenbunte Schutzbekleidung, um Vliesjacken, die Tupperdosen mit der Marschverpflegung und sich selbst warm und trocken zu halten ein einig Volk auf Tchibo-Picknickdecken. Was 1952 als Entnazifizierungsaktion für die einst von Joseph Goebbels eröffnete "Feierstätte der Nordmark" begann, ist zu einem Thing bester bundesrepublikanischer Durchschnittlichkeit geworden.

Völkerverständigend führt das Programmheft in vier Sprachen durch die Handlung, amerikakritische Töne ("das Land der schlechten Düfte") werden gern genommen, und Winnetous Schlussansprache hat das Zeug zum Verfassungsziel: "Es gibt keinen Weg zum Frieden es gibt nur den Frieden." Böse Menschen haben keine Karl-May-Spiele.