Ist eigentlich schon hinreichend gewürdigt worden, dass man Drogenabhängige mit klassischer Musik vertreiben kann? Gewiss, am Hamburger Hauptbahnhof werden Junkies seit Jahren durch Mozarts Klarinettenkonzert am Umgang mit der Nadel gehindert. Auch ist bekannt, dass sich Taschendiebe oder Obdachlose älteren Jahrgangs nicht durch Vivaldis Jahreszeiten vergrämen lassen; man hat sogar wilde Burschen im Vollsuff den bekannten Schneegestöbersatz aus dem Winterkonzert grölen gehört – eine Coverversion eigenen Rechts, die uns nicht wesentlich anstößiger als John Galways Fassung für Soloflöte erscheinen muss. Aber ist das Phänomen damit schon ausgedeutet? Warum bereitet alte Musik Alkoholikern Freude, aber anderen solche Seelenpein, dass sie nicht einmal drei Minuten Ruhe für einen sachgerecht gesetzten Schuss finden? Gartenfreunde kennen seit Langem elektroakustische Hilfsmittel, mit denen sich zwar Maulwürfe, aber leider keine Wühlmäuse fernhalten lassen. Liegt hier des Rätsel Lösung? Ist am Ende auch die musikalische Bandbreite der Anti-Drogen-Beschallung zu knapp bemessen, um alle Konsumenten zu erreichen? Das Repertoire beschränkt sich in der Regel auf Barock und Wiener Klassik; nur selten ist darüber hinaus ein romantisches Spitzenwerk wie Mendelssohns e-Moll-Violinkonzert zu hören. Mit Bruckner und Mahler ist noch gar nicht experimentiert worden; dabei ließe sich gewiss mancher schon durch Schumanns Rheinische Sinfonie am Kaugummikauen hindern. Mit anderen Worten: Die Verantwortlichen der Bahn haben die Selektionsmöglichkeiten noch nicht annähernd begriffen. Mit einer geschickten Verteilung des Repertoires über die Bahnsteige ließen sich Fahrgastströme auf völlig neue Weise lenken: Durch Grieg könnte man vielleicht die Zahl der Lübeckreisenden halbieren, durch Brahms gewaltige Besuchermassen für Neumünster erschließen und durch die Alpensinfonie von Strauß die Sonderzüge ins Allgäu einsparen – insofern die Passagiere nach stattgehabter Berieselung von den Bergen endgültig die Schnauze voll hätten. Die Bahn brauchte keine Sonderpreise mehr, mit denen sie die Zugauslastung steuert. Es-Dur statt Wochenendticket! Und mit fis-Moll an der Autobahntankstelle ließe sich am Ende, wer weiß, auch der Benzinverbrauch langfristig senken. Finis