Lernfabriken mit über 3000 Schülern; Rolltreppen für den schnellen Schülertransport von einem Kursus zum nächsten; Zeugnisse ohne schlechte Noten: In der Rückschau mutet vieles aus den Anfängen der Gesamtschule in Deutschland kurios an. Die Ziele – größere soziale Durchlässigkeit, höhere Abiturientenquoten – sind geblieben. Denn durchgesetzt hat sich die Vorstellung von der einen Schule für alle bekanntermaßen nicht.

Mit großem Eifer begannen sozialdemokratische Landesregierungen Anfang der siebziger Jahre, integrierte Gesamtschulen zu eröffnen. Langfristig sollten sie das gegliederte Schulsystem ersetzen. Bereits wenige Jahre später jedoch war der Gründungselan bereits wieder verflogen. Insgesamt 700 Gesamtschulen entstanden bis heute, vor allem in Hessen, Nordrhein-Westfalen und später in Brandenburg.

Mittlerweile gilt der größte bildungspolitische Reformversuch der Bundesrepublik aus vielen Gründen als gescheitert. Der Widerstand der konservativen Opposition in Politik und Elternschaft ließ sich nicht überwinden. Die Reformer hatten große Pläne, was die neue Schule anders machen sollte – gerechter sollte sie sein, sozialer und demokratischer –, aber wenige Vorstellungen, wie das im Schulalltag zu bewerkstelligen sei. »Wir haben die Zukunft diskutiert, nicht die Gegenwart«, sagt Dieter Wunder, langjähriger Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Als größte Bürde für die neuen Schulen erwies sich jedoch die Konkurrenz durch die alten. Leistungsstarke Viertklässler strebten weiterhin in ihrer Mehrzahl auf das Gymnasium. Den Gesamtschulen blieben Schüler mit einer Real- oder Hauptschulempfehlung – und die Lehrer passten ihre Ansprüche dieser Klientel an. Die »negative Auslese« verschärfte sich, als die Neubaugebiete, in denen viele Gesamtschulen entstanden, zu sozialen Brennpunkten wurden.

Die Gesamtschulen ermöglichten zwar tatsächlich mehr Schülern höhere Abschlüsse, jedoch auf einem durchschnittlich niedrigen Leistungsniveau. Die Unterschiede zwischen den Einzelschulen waren freilich enorm. Gesamtschulen ohne Gymnasialkonkurrenz produzierten weit bessere Ergebnisse. Pisa bestätigte 20 Jahre später den Befund. So konnten nordrhein-westfälische Gesamtschüler im Schnitt schlechter lesen als Gleichaltrige auf der Realschule.

Die Situation heute sieht anders aus. Zum einen ist die Akzeptanz einer Schule für alle größer, im internationalen Vergleich hat sich gezeigt, dass integrierte Schulsysteme durchaus sehr gut funktionieren können. Länder wie Japan, Kanada oder Finnland lassen die Schüler viele Jahre gemeinsam lernen und bringen dennoch hervorragende Leistungen. Zum anderen legt die Reformdiskussion heute größeren Wert auf die Didaktik. Man weiß: Wer Schüler unterschiedlicher Begabungen unterrichten möchte, der benötigt andere Lehrmethoden.

Ein schleichendes Anpassen des Lernniveaus nach unten ist heute zudem nicht mehr möglich. Anders als die Gesamtschulen früher müssen sich die Gemeinschaftsschulen allgemein gültigen Standards und Prüfungen unterwerfen. Zugespitzt formuliert: Ein Billigabitur wird es nicht geben, weil heutzutage alle Schüler die gleichen zentralen Aufgaben erhalten.

Dennoch wird die Gemeinschaftsschule kaum das mehrgliedrige Schulsystem verdrängen. Realistischer ist folgende Variante: In der Stadt werden Haupt- und Realschulen verschmelzen, sinnvollerweise – wie in Hamburg geplant – mit einer Option zu höheren Abschlüssen wie Fachabitur. Das Gymnasium bleibt unberührt. Auf dem Land dagegen, wo der demografische Druck am stärksten ist, könnten Gemeinschaftsschulen langfristig der Bildungsgang der Zukunft sein. spi