Irgendwann landet alles in Europa, was in Amerika aufkommt: Fließband, Charleston, Jeans, Rauchverbot… Und nun auch der uralte Streit über den Gottesbeweis, oder zeitgemäß: über "Kreationismus contra Evolution". Die Einlassungen der Getreuen sind, weiß Gott (nur eine Redewendung), nicht ex cathedra. Sie kommen auf den leisen Pfoten der Schein-Wissenschaftlichkeit daher.

Die hessische Kultusministerin Karin Wolff hat mit Kreationismus "überhaupt nichts am Hut", also der Idee, dass ein allmächtiger Gott für die unendliche Komplexität des Lebens verantwortlich sei. Aber sie spricht von "Konvergenzen" zwischen "Evolution und Schöpfungsgeschichte", und sie hält es für "sinnvoll", Schüler nicht allein mit der Evolutionslehre im Biologieunterricht zu konfrontieren. Darwin und Nachfolger dürften nicht getrennt werden von der "Schöpfungslehre der Bibel", die im Religionsunterricht vermittelt wird. Auch "noch eine andere Sicht" sei notwendig als nur die der Naturwissenschaft.

Die Ministerin ist nicht allein. Im Europarat beteuert auch der Flame Luc van den Brande, der Führer der Konservativen-Fraktion: "Ich bin kein Kreationist." Er hat aber eine Resolution verhindert, die jegliche Form des Kreationismus zum Teufel wünschte (auch das ist nur so eine Wendung, die keine Parteinahme impliziert). Im Oktober soll der Kulturausschuss eine neue Vorlage formulieren.

Es tut sich also etwas im "entchristianisierten" Europa, zumal die Debatte nunmehr auch in den großen Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen weitergetrieben wird – doch davon später. Für die historisch Interessierten sei hier vorweg vermerkt, dass dieser Streit um Gott und Darwin nun auch in Europa angekommen ist – 82 Jahre nachdem er einen der berühmtesten Prozesse der US-Geschichte ausgelöst hatte: "Tennessee vs. John Scopes". Scopes war Biologielehrer, der 1925 mit der Evolutionslehre gegen ein gerade verabschiedetes Gesetz verstoßen hatte. An den Schulen war "jedwede Theorie" verboten worden, "welche die göttliche Schöpfung verneint und stattdessen lehrt, der Mensch entstamme einer niedrigeren Form des Tierlebens".

Der Prozess in Dayton war "eine Kreuzung zwischen Zirkus und Heiligem Krieg", notierte damals Time. Scopes wurde von dem legendären Anwalt Clarence Darrow vertreten (im Film Inherit the Wind von Spencer Tracy dargestellt). Die Anklage gegen den 24-Jährigen leitete William Jennings Bryan, ein begnadeter Demagoge, der dreimal als Präsidentschaftskandidat für die Demokraten angetreten war. 200 Reporter kamen in das Südstaaten-Kaff, der Andrang war so groß, dass die Verhandlung in ein Zelt verlegt werden musste. Draußen wurde das Volk mit Schimpansen amüsiert, die angeblich als Zeugen der Anklage fungieren sollten; daher der Begriff "Affen-Prozess".