In den kommenden Wochen berichten Autoren der ZEIT über die Fortschritte der Medizin. Im ersten Teil der Serie: Vorbeugung und Früherkennung gebieten dem Sterben Einhalt. Die meisten von uns können ihr Krebsrisiko beeinflussen. .

Krebs ist eine komplizierte Krankheit. Es gibt 230 verschiedene Arten. Sie beschäftigt Zehntausende Ärzte und Wissenschaftler. Sie ist ein Milliardengeschäft. Und sie wird – wenn nichts geschieht – über 200 Millionen Menschen umbringen, jeden vierten der heute lebenden Europäer und Amerikaner.

Elizabeth Ward führt Buch über den Schrecken. Sie und ihre Kollegen bei der Amerikanischen Krebsgesellschaft (ACS) tragen Jahr für Jahr die Zahlen zusammen, in denen sich das Hoffen, Bangen, Leben, Leiden und Sterben spiegeln: Neuerkrankungen, Heilungsraten, Überlebensdauer, Todesfälle.

Nicht unbedingt eine erbauliche Tätigkeit. Doch Elizabeth Ward ist bester Laune. Sie hat erfreuliche Nachrichten. Immer weniger Menschen sterben an Krebs – und das, obwohl immer mehr daran erkranken. Nach einem minimalen Rückgang im Jahr 2003 verzeichnete Wards Abteilung, das Department of Epidemiology and Surveillance Research der ACS, für 2004 deutlich weniger Tumoropfer in den USA. Erstmals seit mehr als siebzig Jahren ist der Krebstod klar auf dem Rückzug. Die amerikanischen Epidemiologen sind sicher, den Beginn eines anhaltenden Sinkflugs vor Augen zu haben. "Das ist ein robuster Trend", sagt Ward, "wir erwarten für die nächsten Jahre weiter fallende Zahlen."

Auch in Europa ist Zuversicht erwacht. "Wir werden diese Entwicklung in den nächsten Jahren ebenfalls sehen", prophezeit der Onkologe Wolfgang Hiddemann vom Münchner Uniklinikum Großhadern. Nikolaus Becker pflegt bei allem begründeten Optimismus eine vorsichtige Sprache. "Stabilisierung, mit einem Trend nach unten", beschreibt der Epidemiologe vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg die Lage.

Die Krebsstatistiker sind sich sicher: Der Trend ist positiv und stabil

Besiegt allerdings ist der Krebs damit noch längst nicht. Der Rückgang startet auf hohem Niveau: Auch 2004 starben 553888 US-Bürger an einer Tumorerkrankung, aber das sind immerhin gut 3000 weniger als im Vorjahr. Und auch da hatten die Forscher bereits weniger Tote registriert als 2002. Nie starben in der Bundesrepublik so viele Menschen an Krebs wie 1993. Seither sanken die jährlichen Sterbezahlen um 4000 Fälle.

Tatsächlich ist der Rückgang noch größer, als die Meldungen vermuten lassen. Krebs ist eine Alterserkrankung. "Durch die steigende Lebenserwartung rutschen immer größere Teile der Bevölkerung in den Altersbereich mit sehr hohem Krebsrisiko", sagt Becker. Das treibt die absoluten Zahlen bei Neudiagnosen, Krankenstand und Sterbefällen nach oben. Der Optimismus der Tumorexperten wird durch eine Größe gestützt, die viel mehr aussagt als die absolute Zahl der Opfer: die Mortalitätsrate (Sterbefälle korrigiert um einen Altersfaktor, pro 100.000 Einwohner). In den Vereinigten Staaten sei der Rückgang der Mortalitätsrate nun so drastisch, versichert Ward, dass er trotz des gegenläufigen Einflusses von wachsender und alternder Bevölkerung auch auf die absolute Zahl der Todesfälle durchgeschlagen habe.

Entscheidend aber erscheinen nun die Erkenntnisse zu den Ursachen der ersehnten Wende. Da ist die Botschaft der Epidemiologen eindeutig. Der Durchbruch an der Krebsfront, sagt Ward, sei "hauptsächlich das Resultat von Vorbeugung und Früherkennung". Die gefeierten Fortschritte der Krebsmedizin haben offenbar nur einen geringen Anteil am Erfolg. "Zweifelsohne", bestätigt Wards Fachkollege Becker, "haben sich die massiven Veränderungen nach unten durch Präventionseffekte ergeben."

70000 Tumorkranke in Deutschland müssten nicht an Krebs sterben

In Zukunft, lautet das Fazit der Gesundheitsforscher, könne man den Krebstod weithin zurückdrängen, sofern Politiker und vor allem die Bürger der Marschrichtung folgten: Verhüten oder zumindest früh diagnostizieren, dann schnell und nach neuestem Standard behandeln, lautet die neue Erfolgsstrategie. "Preventive oncology", sagt DKFZ-Chef Otmar Wiestler, die vorbeugende Krebsmedizin gelte in den USA längst als Gebot der Stunde – sei aber in Deutschland bislang "völlig vernachlässigt worden".

Krebs ist keineswegs immer Schicksal. Jeder zweite Patient hätte gesund bleiben können, jedes Jahr sterben mindestens 70000 Tumorkranke in Deutschland einen leicht vermeidbaren Tod. Auch wenn es für manche Krebsarten besondere Risikofaktoren gibt, für die meisten Tumoren – und vor allem für die häufigen – gilt das tödliche Trio: Rauchen, Übergewicht, Bewegungsarmut. Bei der ersten Nationalen Onkologischen Präventionskonferenz Mitte Juni in Essen mochten es die versammelten Fachleute daher nicht bei Appellen an die Politik belassen. Sie nahmen Herrn und Frau Jedermann in die Pflicht: Krebsprävention sei Aufgabe jedes Bürgers, durch Unterlassen des Tabakkonsums und durch aktives Handeln. Selbst Nichtraucher können ihr Krebsrisiko drastisch senken. "Körperliches Training und Gewichtsreduktion sind eine hocheffektive Krebsprävention", sagt der Berliner Tumormediziner Michael Untch. Gerade belegte eine Studie an 1.500 Chinesinnen, dass deren traditionell niedrige Brustkrebsraten durch westliche Ernährungsgewohnheiten und zunehmendes Übergewicht drastisch gestiegen sind.