Momentan ist ja die andere, die Hinterwelt wieder schwer im Kommen, die Götter treten sich fast auf die Füße. Kein Wunder, dass da nun auch die niederen Ränge von den Elfen und Geistern bis hinab zu den hundsgemeinsten Gespenstern Morgenluft wittern.

Wir guten Leser waren aber, in einem schönen Sinne, schon immer ein bisschen von gestern und erinnern uns zum Beispiel sehr gern an Achim von Arnims schöne Isabella von Ägypten, die als kleines Mädchen einmal ganz vertieft in Gespensterbücher dasaß und, als die Amme Braka sie fragte, woher die seien, sagte: "Ich bin heute bei meines Vaters Büchern gewesen und habe da so schöne Geschichten gefunden, dass ich gern ein Gespenst werden möchte." Und als Braka sie schilt, sie denke wohl an nichts andres mehr als an dies Buch, sagt Isabella nur, sie solle doch auch in jene Kammer gehen, "es liegen da noch mehrere, nimm dir auch eins".

Jene Kammer ihr wunderbarster Verwalter ist zeitlebens einer unsrer Väter gewesen, der belesenste aller Sterblichen, Jorge Luis Borges. Er hat in den siebziger Jahren, blind und noch mehr als sonst zu Hause hinter dem Sichtbaren, in 30 schmalen Bänden eine Sammlung "Phantastischer Literatur" herausgegeben und bandweise bevorwortet, unter dem fast blasphemisch verführerischen Titel Die Bibliothek von Babel (Edition Büchergilde, Frankfurt am Main, 2007 ff., je Band 17,90 ). Von dieser Sammlung sind jetzt die ersten zwölf Bände neu erschienen, hübsch gebunden und vorn mit so barbarisch-archaisch wildbunten Illustrationen von Bernhard Jäger, dass man Isabella und Borges geisterschön zweistimmig sagen hört: Nimm dir auch eins.

Jedes Bändchen ist einem Autor gewidmet, wunderbare Leute sind dabei.

So hat sich etwa Henry James, sonst Verfasser weltlich glänzender Gesellschaftsromane, in jenen andern Welten aufgehalten (oft aufgehalten, ob gern, das ist fraglich - im Alter war ihm das eigene lang bewohnte Haus nicht mehr geheuer, Träume plagten ihn bis weit in den Tag hinein) und hat sich aus den Kammern dort die erstaunlichsten Geschichten geholt.

Hawthorne war dort, und der fromme Chesterton auch, aber für ihn war das nun kein so weiter Weg. Dann William Beckford, dessen berühmtes Schauerstück Vathek nun wirklich die schändlichsten Register zieht - und Borges selber ist natürlich da, und etwa noch der große spanische Autor Pedro Antonio de Alarcón. Und tolle Leute werden noch kommen: Kipling, Melville, Poe, Stevenson, Wells

Mitten in dieser Gesellschaft dann plötzlich unser Heiliger der letztvergangenen Generationen, Kafka Franz, etwa: "Ich habe ein eigentümliches Tier, halb Kätzchen, halb Lamm," und dann gleich sehr genau "es ist ein Erbstück aus meines Vaters Besitz". Babel ist da auch nicht fern, denn er sinniert einmal über den Bau der Chinesischen Mauer, und die kommt ihm dann vor wie das Fundament des Turms von Babel - ein bisschen weit hergeholt, natürlich, aber das ist kein Argument in diesen Welten.