Kein deutscher Staatsmann hat die Fantasie seiner Landsleute so beschäftigt wie Otto von Bismarck, keinem sind mehr Denkmäler errichtet worden als ihm. Nach seiner Entlassung durch den jungen Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1890, noch mehr nach seinem Tode 1898 wurde der Reichsgründer zum Gegenstand geradezu kultischer Verehrung; als "Eiserner Kanzler" lebte er fort im Gedächtnis der Deutschen.

Robert Gerwarth, ein junger deutscher Historiker, der, wie manch anderer seiner Generation, inzwischen in England lebt und lehrt, hat es nun unternommen, Entstehung und Wirkung des Bismarck-Mythos einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Allerdings verspricht der Titel mehr, als das Buch hält. Denn der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den Jahren der Weimarer Republik 1918 bis 1933 (im Untertitel der 2005 erschienenen englischen Ausgabe heißt es daher auch korrekt: Weimar Germany and the Legacy of the Iron Chancellor). Die wilhelminische Epoche von 1890 bis 1918, in der sich der Bismarck-Mythos voll ausbildete, wird nur skizzenhaft in einem Prolog behandelt, die Zeit des Nationalsozialismus und der Jahrzehnte nach 1945, in der der Mythos seine Wirkungskraft einbüßte, nur in Form eines Epilogs.

"Zurück zu Bismarck" – das war der Schlachtruf der Rechten

Gerwarth kann schlüssig nachweisen, dass der Bismarck-Mythos nach dem Ende der Hohenzollernmonarchie einen fundamentalen Funktionswandel erlebte: Hatte er vor 1918 dazu gedient, das bestehende politische und gesellschaftliche System des Kaiserreichs zu legitimieren, so wurde er nach 1918 zu einer Waffe im Kampf gegen die neue Demokratie von Weimar. Eine besondere Rolle spielte hier das geistige Leibregiment der Hohenzollern, die Historiker, allen voran die Bismarck-Biografen Max Lenz und Erich Marcks. Lenz beklagte in einer Rede zum 50. Jahrestag der Reichsgründung am 18. Januar 1921, dass Bismarcks "glanzvolles Reich" durch "Feigheit und Verrat und die Machtgier fanatischer Demagogen" zugrunde gerichtet worden sei, und Marcks hieb mit Pamphleten wie Die Versklavung des deutschen Volkes (1921) in dieselbe Kerbe.

"Zurück zu Bismarck" – das war der Schlachtruf, auf den sich die Weimarer Rechte, Deutschnationale und Völkische, rasch verständigen konnte, und er erscholl, wie der Autor zeigt, in fast allen großen politischen Debatten zwischen 1918 und 1933. So während der französischen Ruhrbesetzung 1923, als Heinrich Claß, der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, das Beispiel des Eisernen Kanzlers beschwor: Der wäre den Franzosen mit "Blut und Eisen" entgegengetreten. So bei der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925, die von den Wortführern der Rechten begeistert begrüßt wurde, sahen sie doch in dem greisen Feldmarschall eine "Heldenfigur mit Bismarckschen Zügen". So auch im Streit um das Vertragswerk von Locarno 1925/26, in dem sie – ganz zu Unrecht, wie Außenminister Gustav Stresemann ihnen vorhielt – Bismarck für ihre unversöhnlichen nationalistischen Parolen in Anspruch nahmen.

Der Propaganda der Rechten hatte die republikanische Linke wenig entgegenzusetzen. Zwar forderte der liberaldemokratische Freiburger Jurist Hermann Kantorowicz bereits 1921 dazu auf, endlich aus Bismarcks Schatten herauszutreten, denn solange der "über den jungen Baum der deutschen Demokratie" falle, könne "dieser nicht gedeihen". Doch blieben alle Versuche, den Bismarck-Mythos zu entzaubern und ihm eine eigene demokratische Tradition entgegenzustellen, ohne große Durchschlagskraft. Leider geht der Autor nicht ausführlicher auf diese Bemühungen ein. Der populären Bismarck-Biografie von Emil Ludwig aus dem Jahr 1926, die das Ziel verfolgte, das Bild des Reichsgründers aus der Verfügungsmacht der Republikgegner zu befreien, widmet er nur fünf Zeilen – zu wenig für dieses Werk, über das Rudolf Olden in einer Rezension im liberalen Berliner Tageblatt urteilte: "Bismarck, das ist unsere, des Deutschen Reichs Geschichte. Wer so erzählt, daß Millionen Deutsche sie richtig lesen, der sichert den Weg, den es allein gehen kann, den Weg der Republik."