Ich liebe Sotschi. Es ist unsere subtropische Festung. Seitdem die Krim zur Ukraine gehört, ist es der einzige Ort im ganzen Land, der erfolgreich gegen den russischen Frost ankämpft. In Moskau sind es im Winter minus 20 Grad, in Sotschi fast plus 20. Da möchte man gleich alles liegen lassen und zu den Eukalyptusbäumen, zu den Palmen reisen.

Ohne die bolschewistische Revolution wäre Sotschi heute sicher längst ein zweites Miami, doch gegenwärtig erinnert es eher an den Küstenstreifen vor Mumbai. Alles ist hier durcheinandergeraten, die Armut und der Tourismus: armselige Hütten, und abbruchreife Einzimmerhäuschen neben den Bars, Grillplätze neben Restaurants mit lauter Musik, neue Hotels neben alten sowjetischen Sanatorien. Sotschi hat den Luxus der staatlichen kommunistischen Erholungshäuser verloren und den neuen kapitalistischen Luxus noch nicht gewonnen. Es liegt verwahrlost zwischen den Zeiten.

Doch nachdem ich alle Ufer des Schwarzen Meeres bereist habe, kann ich sagen, dass es etwas gibt, auf das wir Russen wirklich stolz sein können: Wir sind die absoluten Meister der sündhaften Kurorthurerei. Im Vergleich mit uns verdient niemand, weder der Goldstrand Bulgariens noch das humorvolle Odessa, noch die Feuerwerke der Diskotheken am Bosporus, den Ehrentitel Sündenpfuhl. In Sotschi, dieser Stadt mit dem schmatzenden Namen, die einen an einen riesigen, überreifen, Fäulnis ausschwitzenden Pfirsich erinnert und die sich nur deshalb in der Sonne bewegt, weil sie bedeckt ist mit Fliegen, Wespen und Ameisen, in Sotschi erwartet Sie Sodom. Und Gomorrha. Und noch 666 andere Vergnügungen.

Schicken Sie Ihre Söhne und Töchter dorthin, sie werden als abgehärtete Sündenkrieger zurückkehren. Es hat etwas mit dem russischen Verständnis von Glück zu tun, dass es uns gelingt, Ferien und Urlaub an der russischen Riviera in einen multiplen Orgasmus zu verwandeln. Wir sind nicht geschaffen für züchtige Vergnügungen. Schon am Bahnhof von Sotschi warten hübsch anzusehende alte Frauen, die wahre Teufelsbrut, auf die Ankömmlinge und fragen so sanft wie verlockend: »Söhnchen, verlangt dich nach einem Mädchen?« Natürlich ist es möglich, ihnen zu widerstehen, aber wozu? Man möchte den riesigen Pfirsich in die Hand nehmen und ihn ganz verspeisen, mit den Fliegen, den Wespen und den Ameisen.

Sotschi brauchte dringend einen festen Schlag auf den Hinterkopf, um sich vorwärtszubewegen. Nun hat es ihn bekommen, es hat sich zum Ziel gesetzt, eine ideale Olympiastadt zu werden, von Bergen umgeben und mit Aussicht aufs Meer. Als einer, der viel hält auf den gesunden Menschenverstand, habe ich bis zur letzten Minute nicht geglaubt, dass Sotschi das Rennen machen würde. Das heißt nicht, dass ich es nicht gewünscht hätte. Doch das Wünschen ist die eine Sache, der Glaube die andere. Der Glaube allein kann Berge versetzen. Und so ist es geschehen: Man musste schon sehr fest an die Zukunft glauben, um das heutige Sotschi, das überhaupt nicht bereit ist für diese Olympischen Spiele, gewinnen zu lassen. Woher nahm das Internationale Olympische Komitee diesen Glauben? Der russische Staat hat unter der Führung des Präsidenten eine glänzende, groß angelegte Operation durchgeführt, die schon an ein Wunder erinnert. Hier kamen uns die Qualitäten von Putin dem Geheimdienstoffizier und Putin dem Sportler zugute. Sein grandioser Sieg wird in die russische Geschichte eingehen.

Einmal flog ich dorthin in einem ehemaligen sowjetischen Linienflugzeug, das klapperte wie ein Dampfkochtopf. Vom Flughafen begab ich mich direkt in die Menge der böswillig-leutselig lächelnden Taxifahrer und sah mich mit großem Erstaunen um. Ich trug schwarze Hosen und eine schwarze Jacke – die Menge von Sotschi, gepunktet oder geblümt, in Sandalen und oft halb nackt, betrachtete mich misstrauisch. Mit Straßenkleidung wirkt man dort heutzutage wie ein Eindringling. Dennoch bin ich vollkommen davon überzeugt, dass Sotschi eine wunderbare Olympiastadt sein wird. Es wird Schnee auf den Pisten geben, Stadien, Hotels und großartige Konzerte. Aber ich hege auch keinen Zweifel daran, dass Sotschi 2014 zu einem dieser Potemkinschen Dörfer werden wird, wie sie schon oft in der russischen Geschichte errichtet wurden. Die Sache ist folgende: Alle Anstrengungen werden darauf zielen, Russlands Image im Ausland zu verbessern, und wie bei allen Propagandamaßnahmen wird das Resultat zwiespältig sein.