Über Ostern etwa, denn wann sollen heidnische Erweckungsspiele sonst stattfinden, da durfte er in der Berliner Volksbühne ein ganzes Wochenende lang seinen totalitären Kindergeburtstag feiern, mit Wagners Meistersingern im Meese-Bühnenbild und seiner eigenen Inszenierung De Frau als weiblich wucherndem Gesamtkunstwerk. In der Volksbühne spielt man eh immer mal wieder gern mit jener Art von Okkultismus oder vernunftfeindlicher Vernebelung, wie sie im Berlin des Jahres 2007 besonders beliebt ist. »Bald werden die Bäume mit Blut gewaschen«, so hieß es gerade in der Ankündigung zum Volksbühnen-Stück Babylon must fall: »Stahlgewitter-Gefühl statt Konsens und Liberalismus. Psychedelik und Humor im Stellungskrieg, eine gute Grundstimmung, mindestens so wie im Herbst 1914.«

Das klingt nach jenen nationalbolschewistischen Spaßattacken gegen die langweilige Demokratie, wie sie Volksbühnenintendant Frank Castorf am liebsten mag. Sein Lieblingskünstler Meese nun, der auf seinen Ölbildern besonders gern Schwänze malt und das Eiserne Kreuz, ist allerdings längst auch außerhalb der Volksbühnendramaturgie auf fast schon peinliche Weise beliebt. So erhielt er, ausgerechnet, den Kulturpreis der B. Z. mitsamt einer Laudatio von Guido Westerwelle. Und für die Frankfurter Verlagsanstalt gestaltet er gleich alle Buchumschläge des kommenden Herbstprogramms. Am Feuer der gefährlichen Gesinnung wollen sich eben viele wärmen.

In Berlin nun begegnet einem diese neue Lust am Irrationalen, Antidemokratischen, Totalitären an verschiedenen Orten. Da sitzt etwa in einem heruntergekommenen Ballsaal irgendwo in Kreuzberg Christian Kracht, der Autor des sanft nihilistischen BRD-Abgesangs Faserland, der zuletzt in seinem Roman 1979 einen ewigen Dandy, wie er selbst einer ist, in den Gulag schickte, in die chinesische Wüste, wo er im Verhungern sein Glück findet. Es ist an diesem Abend, wie immer bei Kracht, der gern ein neuer Stefan George wäre mit einem Geheimnis und einem Kreis und ein paar Jüngern gratis dazu – es ist eine Art Séance, eine Geisterstunde. Krachts Stimme gleitet durch die verrauchte Luft, sie scheint von sehr weit her zu kommen, er trinkt Wein, er liest aus dem neuen Buch Methan, das er zusammen mit Ingo Niermann geschrieben hat, der neben ihm sitzt wie eine Kopie von Kracht. »Dem Methangetüm fällt es leicht, die Millionen oft wehrlosen Rentner zu übernehmen und durch sie zu wirken«, liest er. »In angeregter Unterhaltung stehen sie, meist mit Reisebussen gebracht, vor beliebten Ausflugszielen wie Baudenkmälern oder Seelandschaften in gemäßigten Klimazonen und ruminieren. Sie sind Sendboten des Methans, sie sind Methan.«

Um Menschenaffen, die Atombombe, die weiße Rasse und eine geheime Kraft geht es in dem Buch, das irgendwo zwischen Scherz und Schreck angesiedelt ist, um eine Kraft geht es, die in der Welt am Werk ist, denn ohne Weltformel keine Weltverschwörung: das Methan, das die Herrschaft über den Planeten übernehmen will. Über Carl Schmitt gelangen Kracht und Niermann schließlich zu Eugene Terreblanche, dem Führer der südafrikanischen Afrikaner Weerstandsbeweging, der »im Hinterkopf seinen eigenen Traum von der Neuerschaffung des Menschengeschlechts« trägt und im Kampf gegen die schwarze Mehrheit schon einmal »mit gutem Beispiel« vorangeht, den Grenzfluss nach Mosambik mit Cholera verseucht und ganze Lebensmittellager »erstmals in der Weltgeschichte« mit Anthraxsporen.

Kracht, dieser an sich feine Beobachter und große Stilist, kultiviert auch hier seine Faszination für Terror, wie er ihn etwa in dem Geschichtenband Mesopotamia anhand der japanischen Aum-Sekte beschrieb, und für den totalitären Schick, den er zuletzt in dem Bildband Die totale Erinnerung dokumentierte. Dem Nordkorea Kim Jong Ils huldigte Kracht dort als famose Inszenierung, »als letztes großes, jetzt schon museales, manischstes Projekt der Menschheit, ja als ihr größtes Kunstwerk«. Wie in einem Film fühlte er sich beim vermeintlichen Besuch des Landes – und die aggressive Naivität, die bewusste Oberflächlichkeit, mit der er Nordkorea beschreibt, wirken schon fast wie eine Karikatur all dessen, was die Verächter der Popkultur immer Schlimmes vermutet hatten. Krachts Vorwort zu Die totale Erinnerung jedenfalls deckt etwas auf, eine merkwürdige Nähe von Pop und totalitärem Denken – keine direkte, keine inhaltliche Verbindung, außer vielleicht im gemeinsamen Glauben an die Macht der Bilder; eher so etwas wie eine biografische Disposition – da fliehen eben manche Dandys aus der spielerischen Leichtigkeit des Pop in die Gedankengruben des Totalitären. Oder des katholischen Fundamentalismus.

Genau darum dreht es sich nämlich in Die Gottlosen von Paul Claudel, einem fünfstündigen Theaterabend, der im Berliner Maxim Gorki Theater zu sehen war: ein antisemitisches Thesenstück im Mittelteil, ansonsten einfach eine massen- und demokratiefeindliche Feier der alten, der gottgegebenen Ordnung, wie sie in den schlimmen Schlachten der Französischen Revolution und der Aufklärung überhaupt verloren gegangen ist. Eine »neugierigmachende Provokation« nannte Regisseur Stefan Bachmann Die Gottlosen, der Autor Claudel sei verkannt, aber »wir brauchen heute mehr denn je seine Inspiration, seine Existenzialität, sein Geschichtsbewusstsein, sein Querdenken«; in dieser Trilogie zeige sich, »woher wir kommen, wodurch wir uns definieren und was wir vermissen«.

Bachmann, das muss man dazusagen, ist ein Theaterregisseur, der einmal mit einer großen Leichtigkeit begabt war; einer jener Kulturmenschen, die verstanden, dass Pop der Schlüssel ist, mit dem intelligente Menschen sich diese Gegenwart zu erschließen versuchen. Wenn er nun sagt, dass das, was er vermisst, eine kreideblasse Portion Klerikalfaschismus und dynastisches Schuld-und-Sühne-Gequassel auf dem Theater sind, dann haben sich die Zeiten wohl wirklich deutlich gewandelt. Es geht dabei gar nicht so sehr um den reaktionären Stoff; schlagend ist die auch hier wieder wohl eher gespielt naive Haltung, mit der eine Art von antiliberalem Gottesdienst gefeiert wird, der sich gegen alles richtet, was mit individueller Freiheit oder Verantwortung zu tun hat – Claudel setzt diesem einzigen säkularen Glauben, dem an den Menschen, seinen Todeskult entgegen.