Das ist ein unter Vernunftfeinden beliebtes Motiv. Und findet sich auch in einem weiteren merkwürdigen Werk dieser poptotalitären Tage, Ingo Niermanns Buch Umbauland. Zehn deutsche Visionen, erschienen in der edition suhrkamp, Denkerstoff. Niermann versucht die seit einer Weile so nicht mehr gestellte Frage »Wer rettet Deutschland?« in zehn Kapiteln zu klären, die gute deutsche Titel tragen wie Heimweh, Handarbeit oder Demokratische Bombe. Er will eine neue Sprache schaffen, das Rededeutsch, radikal vereinfacht und ans Englische angelehnt; er stellt kurz die »Church of Euthanasia« vor, die sich des Problems der alternden Gesellschaft auf ihre Weise annimmt; und er will ein »deutsches Weltwunder« bauen, das größte Gebäude überhaupt, eine Pyramide, 1000 Meter hoch und 1400 Meter breit, für alle Toten dieser Erde. Denn darunter tun wir Deutschen es ja nicht.

Was nun auch an Niermanns Buch so besonders nervt, ist die augenzwinkernde Selbstverständlichkeit, ist die Harmlosigkeit, ja Nettigkeit im Ton, mit der er seine Visionen präsentiert. In Methan und auch in Umbauland behandelt er die Weltgeschichte wie einen gruseligen Comicstrip, wie eine absurde Science-Fiction-Story. Beyond Armageddon heißt eine Anthologie, die Niermann zitiert, es geht um die »Überlebenden des Megakrieges« – verbunden hat das Niermann mit dem Plädoyer für eine deutsche Atombombe, für eine Atombombe für jedes Land, besonders Libyen und Kuba, zur Sicherung des Weltfriedens.

»Wir sind wenn, dann Propheten«, so sagt es Ingo Niermann, der sich zu seinen allumfassenden gesellschaftlichen Visionen in Peking inspirieren ließ. Man könnte das auch, mit Isaiah Berlin, die totalitäre Versuchung nennen, die Intellektuelle und Künstler immer dann ergreift, wenn die Ruhe um sie herum allzu dröhnend wird; oder wenn sie am Horizont etwas wittern, das spannender oder erhebender ist als das demokratische Einerlei. Dann kultivieren sie besonders gern diesen Ekel vor dem Individuum, dann ergehen sie sich in Reinigungs- und Revolutionsfantasien, die in der Vernichtung die Erlösung sehen.

In der Popmusik kennt man solche Phänomene, von Laibach und Rammstein bis zum französischen Dance-Hit der Saison der Band Justice, die besonders gern unter einem großen leuchtenden Kreuz tanzen lässt. Neu ist, dass sich Künstler aus dem kulturellen Mainstream in diese dunklen Regionen wagen, Künstler auch, die alle Ende dreißig sind und Teil einer Generation, die lange aus dem Schatten Hitlers und der totalitären Faszination getreten war. Politiker geraten zu Recht in Schwierigkeiten, wenn sie Unsinn über Herrn Filbinger erzählen. Künstler sind da deutlich freier. Sie spüren, könnte man sagen: Das Totalitäre liegt in der Luft, es weht uns etwa aus dem radikalen Islam an.

Die Dummheit der Politiker ist meistens reaktionär; die Dummheit der Künstler ist manchmal visionär.