Ein psychologischer Thriller braucht ein respektables Gemäuer samt sorgfältiger Möblierung. Leere Flure, dunkle Nischen, eine seit Jahren unbewohnte Immobilie, verlockend und bedrohlich. Tim Wynne-Jones hat einen solch verwunschenen Prachtbau in die Mitte seines neuen Romans gestellt: "Steeple Hall war eine riesige Zeitkapsel, ein derart großes Haus, dass man nichts wegwerfen musste - man brauchte nur eine Zimmertür zu schließen, um die Erinnerungen hinter sich zu lassen" In diesem Haus erlebte Declan Steeple seine Kindheit, doch als vor sechs Jahren seine Mutter die Familie verließ, baute sein Vater, unweit des alten, bald ein neues Haus. Motto: "Die Vergangenheit nimmt überhand, wenn die Gegenwart keine Zukunft mehr hat."

So leben sie nun in der neuen Villa, Dec, inzwischen 16, seine kleine Schwester Sunny, der Vater Bernard mit seiner neuen Lebensgefährtin Birdie, die einst die beste Freundin ihrer Mutter war. Wortkarge Gegenwart: Bernard Steeple bosselt an seiner Werkbank nahezu autistisch vor sich hin, historische Modelle großer Schlachten, Operation Overlord, Juno Beach im Maßstab 1:72. Eines Tages ändert sich alles. In Steeple Hall liegt ein toter Mann in der Bibliothek, ein Einbrecher, von Büchern aus einem umgestürzten Regal fast vergraben, von der herabgefallenen Büste des Philosophen Plato am Kopf tödlich getroffen. Der Roman wird zum Krimi, und Dec will jetzt das Rätsel der Zeitkapsel knacken. Wer war der Mann? Was verschweigt der Vater? Wo ist seine Mutter? Die Erinnerung ist "wie ein Schachtelteufel".

Das alles wirkt durchaus geschickt inszeniert, und Wynne-Jones komponiert seine Geschichte überzeugend zu einer dichten Szenenfolge ohne Atempause. Fast lapidar der Tonfall, durchsetzt mit bildkräftigen Details, eine souveräne Balance. Der kanadische Autor, 1999 erschien sein erster Roman Flucht in die Wälder, zeigt sich erneut als Fachmann für spannende Gedankenspiele. Dec Steeple, zutiefst verunsichert, wird auf der Suche nach seiner Mutter auch zum Detektiv seiner selbst.

Zweihundert Seiten, die man kaum aus der Hand legen möchte.

Tim Wynne-Jones: Dieb im Haus der Erinnerung

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit -

Hanser Verlag, München 2007 - 202 S., 14,90 Euro (ab 14 Jahren)