Aus Versehen habe ich vor Kurzem Gülcans Traumhochzeit auf ProSieben gesehen. Während der sechzigminütigen Pein dachte ich abwechselnd an den Untergang des Abendlandes, an ein gutes Buch und warum auch immer an Großraumdiscos in der Provinz. Woran ich nicht dachte, war ans Abschalten, und so kommt es wohl auch dazu, dass die Sendung regelmäßig eine Quote von über zehn Prozent hat eine Hürde, die die hervorragende Serie Dr. Psycho mit Christian Ulmen niemals übersprungen hat. So, wie andere Menschen duschen, um sich den Menschenekel von der Haut zu waschen, suchte ich nach der Sendung eine DVD, denn mich überkam mindestens Daseinsekel. In ebenjenem Moment begriff ich, wer Schuld daran hat, dass der Deutsche scheinbar lieber Gülcans Traumhochzeit schaut als gute Serien. Schuld habe ich. In der letzten Kolumne lobte ich die US-Serie Prison Break, die auf RTL läuft. Die Quoten sind ein Desaster. Aber auch ich habe noch keine einzige Folge von Prison Break auf RTL geschaut. Ich habe die Serie auf DVD, ich muss nicht einschalten. Das ist ein bisschen so, als würde man dauernd für eine Partei trommeln, aber dann nicht zur Wahl gehen. Und ich bin kein Einzeltäter, meine Generation, die um die 30-Jährigen, hat sich unabhängig gemacht von Sendern und von Sendezeiten. Wir werden von keiner Quote mehr erfasst, unsere Vorlieben werden nicht dokumentiert, wir spielen nicht mehr mit. Unser Fernsehen findet nicht mehr im Fernsehen statt, sondern im DVD-Player oder im Internet, wo man sich heute anschauen kann, was gestern in den USA neu anlief. Das kopieren wir dann und geben es weiter und sagen: Schau das mal. Es wird dein Leben verändern. Das tut es. Das tut gutes Fernsehen immer. Erst hat das Fernsehen uns verändert, und jetzt verändern wir das Fernsehen und lassen es mit Gülcan allein. Nein, wir verändern es nicht. Wir zerstören es.