Seine Wahlparolen rüttelten das Land auf. " Ich will die Franzosen mit den Werten des Erfolgs, der Arbeit, des Verdienstes und des Risikos versöhnen", rief Nicolas Sarkozy und kündigte Radikalreformen mit der Wucht von "Elektroschocks" an, um den erstarrten Arbeitsmarkt, das schwache Wachstum, die erdrückende Steuerlast und die innovationsfeindliche Bürokratie aufzubrechen. Frankreichs Linke verteufelte Sarkozy deshalb als "Amerikaner mit französischem Pass" und sah das Unheil von Reagonomics und Thatcherismus aufziehen. Doch die Mehrheit der abgabengeplagten Franzosen hörte lieber auf Sarkozys Frohbotschaft, er wolle ihnen "68 Milliarden Euro zurückgeben", und wählten ihn ins Präsidentenamt.

Während das Land auf den versprochenen Schock wartet, ist Nicolas Sarkozy kaum wiederzuerkennen. Als Kandidat hatte er den Reformstau Frankreichs in den schwärzesten Farben ausgemalt, nun erkennt er als versöhnender Landesvater viele Vorzüge des modèle français. Geradezu großkoalitionär hat er ein Drittel seiner Regierungsmannschaft mit Sozialisten bestückt. Er lädt Gewerkschaften und Opposition in den Élysée-Palast ein und lässt Kritiker aus dem Unternehmerlager mit der Bemerkung abblitzen, ihr Vorwurf, er sei "kein perfekter Liberaler", lasse ihn kalt. Seine Mischung aus neoliberalen Steuergeschenken und schuldenfinanzierten Sozialausgaben macht ihn zu einem politischen Chamäleon, das rechts wie links ankommen will.

Noch bevor die ersten Gesetzespakete geschnürt sind, weht der Wind des Wandels durch Frankreich. Die Arbeitslosigkeit sinkt mit acht Prozent auf den tiefsten Stand seit 25 Jahren, das Wachstum nähert sich wieder der Marge von 2,5 Prozent. Investitionsklima und Verbraucherstimmung sind gut, und Sarkozys Ankündigung, Frankreich sei "wieder zurück in Europa", macht den Menschen Mut. Freilich rührt das Sarkozy-Wunder vom globalen konjunkturellen Aufschwung her, der zuletzt auch Angela Merkel in Deutschland den Antritt erleichterte. Doch während Merkel klar auf den Erfolgen der Schröderschen Reformagenda aufbauen konnte, muss Sarkozy erst einmal die Grundlagen für den wirtschafts- und sozialpolitischen Neuanfang schaffen und hoffen, dass den Franzosen dabei die aktuelle gute Laune nicht vergeht.

Zu Sarkozys vorrangigen Baustellen zählen Arbeitsrecht und Steuersystem, bei denen er nicht bloß "Reförmchen", sondern einen prinzipiellen Kurswechsel ansteuert. Alles soll leichter, transparenter und flexibler werden. So möchte der Präsident an die Stelle der bislang 30 verschiedenen Arbeitsverträge einen Einheitsvertrag setzen, der Betrieben die Furcht vor Neueinstellungen nimmt und Arbeitnehmern hilft, Konflikte ohne Gerichtsverfahren zu überstehen. Auf einen schnellen Durchbruch kann der Präsident jedoch nicht hoffen. Denn die Vorgängerregierung war schon für ihr bescheideneres Ziel, einen einheitlichen Erstbeschäftigungsvertrag für Jugendliche zu schaffen, durch Massendemonstrationen aus dem Amt gejagt worden. Um neue Proteste abzuwenden, sucht der Präsident den Dialog mit den Sozialpartnern. Man müsse über alles ausführlich verhandeln, so Sarkozys Regierungsdevise "aber nicht länger als drei Wochen".

Einfacher lassen sich die Steuersenkungen realisieren mit denen der Präsident allerdings Klientelpolitik betreibt. Denn die weitgehende Abschaffung von Erbschaft- und Vermögensteuern nutzt naturgemäß den gutsituierten Franzosen. Der versprochene Pauschaldeckel von maximal 50 Prozent auf alle Abgaben macht sich erst bei Jahreseinkommen über vier Millionen Euro bemerkbar während die Hälfte der Franzosen weniger als 1500 Euro im Monat verdient. Sarkozy will mit den Geschenken von insgesamt 13 Milliarden Euro jährlich einen positiven "Vertrauensschock" auslösen, der von den Leistungsträgern der französischen Wirtschaft auf die Bevölkerung ausstrahlen soll.

Dieser Steuerschwund ist erheblich für ein Land, dessen Schulden in diesem Jahr auf 65 Prozent des Inlandsproduktes steigen. Deshalb kritisiert der Harvard-Ökonom Philippe Aghion: "Was fehlt, ist ein neuer Spielraum im Budget, der innerhalb des europäischen Stabilitätspaktes für wachstumsfördernde Politik sorgen kann."

Frankreich brauche vor allem Mittel für Investitionen und Innovationen, für verbesserte Hochschulbildung, leichteren Zugang zu Krediten sowie einen small business act, der nach amerikanischem Vorbild Kleinbetriebe durch öffentliche Aufträge und Sonderrechte fördert.