War und ist der Irakkrieg richtig? Aus dem Land kommen immer neue Schreckensmeldungen, in Washington gerät Präsident George W. Bush weiter unter Druck. Mehr als 60 Prozent der Amerikaner sind gegen den Krieg, und selbst im Lager der Republikaner fordern einige den Rückzug. Hier streiten zwei linke Intellektuelle über den Einmarsch der US-Truppen im Frühjahr 2003.

Peter Schneider: Es gibt viele Gemeinsamkeiten in unseren intellektuellen Biografien. Beide haben wir bei der radikalen Linken angefangen du bei den britischen Trotzkisten, ich bei den 68ern in Berlin. Beide haben wir dann in den achtziger und neunziger Jahren gegen den linken Konsens verstoßen. Wir haben Solidarno gegen den Vorwurf verteidigt, den "Weltfrieden zu gefährden" - wir haben früh für eine Intervention gegen die ethnischen Vertreibungen in Bosnien und im Kosovo plädiert, wir haben die Nato-Intervention in Afghanistan unterstützt auch wenn diese Positionen uns mit unserer "linken Identität" in Konflikt brachten. Dann kam der Irakkrieg 2003, und unsere Wege haben sich getrennt. Du hast den Krieg von Anfang an befürwortet, ich war dagegen. Wie erklärst du den Gegensatz?

Christopher Hitchens: Es mögen unterschiedliche Erfahrungen in der Mitte der siebziger Jahren gewesen sein. Ich wurde damals von einem irakischen Kulturfunktionär nach Irak eingeladen, und Saddam Hussein war gerade dabei, seine Macht zu befestigen. Ich war in Polen gewesen, in Francos Spanien, in Griechenland nach dem zweiten Putsch ich kannte Städte, die in Furcht lebten. Aber was ich in Bagdad erlebte, die Atmosphäre der Angst, war unvergleichbar. Es war die Hölle eine unglaubliche Herrschaft des Schreckens. Ich erinnere mich auch gut, mit welcher Selbstverständlichkeit mich Regierungsleute in die Gruppe um Abu Nidal einführten, die damals in Bagdad beherbergt und gefördert wurde. Ich habe nie dieses Klima der Angst vergessen. Ich gehörte zu einer Gruppe aus linken Labour-Mitgliedern, Gewerkschaftern und Kommunisten namens CADRI (Kampagne zur Wiederherstellung demokratischer Rechte in Irak, Anm. d. Red.). Es war eine sehr effiziente Gruppe, die über ausgezeichnete Informationen aus dem Irak verfügte und als Erste das Saddam-Hussein-Regime als ein faschistisches Regime beschrieben hat. Für mich war also die Auseinandersetzung mit der Baath-Partei und ihrer Ideologie, die sich aus dem rechten europäischen Nationalismus und dem Faschismus speist, eine alte Geschichte.

Schneider: In den Augen vieler bist du zum beredtsten Verteidiger des Irakkriegs zu einer der besten Waffen der Bush-Regierung geworden.

Wie kam es dazu, dass du diese Rolle übernommen hast?

Hitchens: Wäre es nach mir gegangen, hätten wir Saddam Hussein schon wesentlich früher entmachtet. Ein prägendes Ereignis für mich war das verspätete Eingreifen der Nato in Bosnien Mitte der neunziger Jahre praktisch alle Republikaner waren gegen jede Art der Intervention, mit Ausnahme von G. W. Bush, John McCain und ein paar anderen und den Neocons. Damals, bei der serbischen Belagerung von Sarajevo (1992 bis 1994), fing ich an, neu nachzudenken. Damals habe ich zum ersten Mal gefordert, dass die USA Gewalt einsetzen sollten. Dann wurde auf Initiative von Achmed Chalabi hin der Iraq Liberation Act im Kongress verabschiedet, der übrigens von Bill Clinton und Al Gore unterstützt wurde. Aber die beiden wollten den Friedensnobelpreis ohne Krieg, sie waren nicht bereit, den vollen Preis zu bezahlen.

Schneider: Immerhin hat Clinton nach dem Hinauswurf der UN-Inspektoren Fabrikanlagen in Bagdad bombardiert. Und die Republikaner höhnten damals, das tue er nur, um von seiner Affäre mit Monica Lewinsky abzulenken.

Hitchens: Stimmt. Die Republikaner waren damals nicht für Clintons Strafaktion.

Schneider: Aber als G. W. Bush einige Jahre später eine Verbindung zwischen dem Anschlag auf das World Trade Center und Saddam Hussein herstellte hat dich das überzeugt?