Natürlich könnte die ganze Sache ein Trick sein. Wenn, wie kürzlich bei den Londoner Frühjahrsauktionen, ein Gemälde Claude Monets für fast 30 Millionen Euro an einen unbekannten, am Telefon bietenden Sammler versteigert wird, kann niemand überprüfen, ob es diesen Bieter tatsächlich gibt ob also nicht ein Mitarbeiter des Auktionshauses selbst am anderen Ende der Leitung sitzt und den Preis in rekordverdächtige Höhen schraubt, um so das Image des Hauses zu steigern, während das Bild anschließend diskret für einen niedrigeren Preis verkauft wird. Als der Stuttgarter Auktionator Roman Norbert Ketterer in den sechziger Jahren zum ersten Mal Telefonbieter zuließ, wurden ihm solche fragwürdigen Praktiken vorgeworfen.

Heute, sagt Philipp Herzog von Württemberg, Geschäftsführer von Sothebys Deutschland, gebe es solche Skepsis kaum noch: Wir verzeichnen ein steigendes Interesse daran, nicht persönlich, sondern am Telefon mitzusteigern. Viele Sammler möchten ihre Millionen nicht öffentlich ausgeben, andere wollen anonym bleiben, um sich vor potenziellen Kunstdieben zu schützen. Ein kleines schwarzes T im Buch des Auktionators verzeichnet, wenn es neben Bietern im Saal und schriftlichen Geboten auch Interessenten am Telefon gibt.

Während der Auktion rufen Württemberg und seine Kollegen die Interessenten schon an, lange bevor das umworbene Bild aufgerufen wird am liebsten ist es den Mitarbeitern des Auktionshauses, wenn sie von einem Festnetzanschluss aus angerufen werden, nur ungern empfangen sie Handyanrufe. Ich frage zuerst, mit wem ich spreche, beschreibt der Kunsthändler, was dann geschieht, schließlich muss ich sichergehen, dass ich wirklich mit meinem Kunden spreche. Der wird darauf hingewiesen, dass das Gespräch aus rechtlichen Gründen mitgeschnitten wird, und bekommt das Mikrofon des Auktionators zugeschaltet. Wird das entscheidende Werk schließlich aufgerufen, beginnt Württembergs eigentliche Arbeit. Er informiert seinen Kunden über jeden einzelnen Bietschritt: Gebot mit uns, bedeutet ein erfolgreiches Gebot, Gebot gegen uns heißt, dass jemand anderes höher geboten hat. Entscheidet sich der Sammler am Telefon, ebenfalls zu erhöhen, ruft Württemberg dem Auktionator am Pult ein lautes Bidding! entgegen. Viel Psychologie sei im Spiel, erläutert der Deutschlandchef von Sothebys: Deshalb spreche ich immer von wir und uns der Kunde am Telefon soll wissen, dass er nicht allein ist. Wie lange er auf ein neues Gebot zu warten bereit ist, liegt allerdings allein im Ermessen des Auktionators. Manchmal muss Württemberg seine Telefonkunden deshalb warnen, sich nicht zu viel Zeit zu lassen: Das hängt auch von der Höhe des aktuellen Preises ab. Bei Millionenzuschlägen warten alle auch gern mal etwas länger.