Ein Österreicher in den USA: Der 53-jährige Walter Amon war im ORF als Hauptabteilungsleiter lebensversichert. Heute stellt er in Amerika Baustoffe her.

Pragmatisiert. Ich war 35 und erfolgreich im ORF tätig. Ich hatte drei Töchter, eine wunderbare Frau, ein Haus in Wien und viele, viele Freunde. Und mit einem Mal wurde mir klar, dass das so nicht weitergehen darf. Sollte ich immer wieder mit ansehen, wie verdienstvolle Kollegen infolge politischer Einflussnahme, eines Geschäftsführerwechsels oder persönlicher Misslaune eines Vorgesetzten zu weißen Elefanten gemacht wurden, zu Arbeitslosen mit hohem Einkommen? Sollte ich mich in meiner Pragmatisierung einrichten, mich mit der Langeweile arrangieren? In dieser Stimmung habe ich einen Pakt mit mir geschlossen: Bis zu meinem 50. Lebensjahr arbeite ich für meine Familie. Aber wenn alle Kinder auf eigenen Beinen stehen, werden meine Frau und ich das machen, was wir wollen. Dann werden wir ins Ausland gehen.

Schöne neue Welt. Also habe ich gearbeitet. Als Hauptabteilungsleiter und gewerberechtlicher Geschäftsführer im ORF. Als Selbstständiger habe ich mich an einer Werbeagentur beteiligt und eine eigene Fernsehproduktionsfirma aufgebaut. Schließlich sind wir nach Arizona ausgewandert. Genau zu meinem 50.Geburtstag. Nun kitzelt uns jeden Morgen die Sonne wach. In unserer gated community genießen wir die Annehmlichkeiten des American Way of Life. Auf dem Weg zur Arbeit gibt es keine Staus, alles gleitet, niemand hupt. Auch mein Job macht Spaß.

Als Vice President bin ich in einem Baustoffunternehmen für Finanzierung, Werbung und Marketing zuständig. Alles ist neu, kein Tag verläuft wie der vorherige. An 355 Tagen scheint die Sonne, und die Menschen sind großartig freundlich. Ganz ehrlich: Mir ist die oberflächliche Freundlichkeit wesentlich lieber als die aufrichtige Unfreundlichkeit.

Aufgezeichnet von ERNST SCHMIEDERER