Ein Schock brach die Bahn ins Theater. Uta Kala hatte in der DDR eine Ausbildung als Restauratorin hinter sich und fand keine Arbeit. Anfang der achtziger Jahre nahm sie eine Stelle als Requisiteurin im Malersaal am Theater in Senftenberg an. Bei einer Don Giovanni-Inszenierung stand sie in der Gasse und beobachtete, wie der Sänger der Titelpartie eine Leiter vor einem Seidenvorhang mit aufgemaltem Frauenporträt abstellte, sie bestieg und Donna Anna voller Inbrunst ansang. Von diesem C-Theater-Coup hat Uta Kala sich lange nicht erholt. Sie ist, wie sie in einem Restaurant im Prenzlauer Berg lachend erzählt, fassungslos gewesen. Das "Ansingen des Seidenlappens" war für sie ein Schlüsselerlebnis - ein Anlass zur ästhetischen Auflehnung.

Nach ihrem Debüt bei Match, einem Stück von Jürgen Roß über das kriminelle Verhalten von Jugendlichen in der DDR, schuf Kala fast alle Bühnenbilder für den Regisseur Thomas Bischoff. Homogenität und Kontinuität verbindet die Arbeiten der beiden Theatermacher. Kala und Bischoff geht es in ihrem Theater um Abstraktion, eine Reduktion der stilistischen Mittel. Ihre Bühnenräume sind von enormer Geschlossenheit. In überdimensionierten Räumen sind die Figuren zur Einsamkeit entblößt. Dem Leben in den hermetischen Räumen ist der Wunsch nach Veränderung und Ausbruch nur als Utopie ex negativo eingeschrieben.

Aus der Vielzahl der gemeinsamen Produktionen mit Thomas Bischoff sei die Bühne zu Hans Henny Jahnns Der gestohlene Gott (Volkbühne, 1999) erwähnt. Die Bühne war in drei riesige Halbschalen gegliedert, die von einem massiven Rundhorizont begrenzt wurde. Die Menschen muteten in diesen tief gestaffelten Verliesen wie Insekten an. Die Räume Kalas sind stets durch die Sprache der Dichter bestimmt. Die Sprachwelten von Hans Henny Jahnns Gestohlenem Gott oder Einar Schleefs Nietzsche-Trilogie (Deutsches Theater 2002) haben auf sie wie Monolithe gewirkt, die der österreichischen Dramatiker Thomas Bernhard Die Macht der Gewohnheit (Kammerspiele des Deutschen Theaters, 2004) und Werner Schwab Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos (Volksbühne, 2000) und Die Präsidentinnen (Volksbühne, 2003) sind für Kala durchlässiger und offener. Die riesigen Räumen konterkarieren und verhöhnen den pathetischen Selbstbehauptungsfuror von Bernhards und Schwabs Figuren. Da es aus diesen Räumen kein Entkommen gibt, höchstens einen Rückzug in eine verstohlene Ecke, werden die Figuren immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen Bewohner des Horror Vacui. Wie in den Räumen von Anna Viebrock, deren Arbeit Uta Kala sehr schätzt, kann man von einer Kunst der Einkerkerung sprechen, auch wenn diese Formen des Verschlusses bei Kala in massiveren Tableaus als bei Viebrock stattfinden.

Die 1960 in Cottbus geborene Bühnenbildnerin hat an der japanischen Ästhetik ihr Bewusstsein für die strenge räumliche Umsetzung dramatischer Vorlagen geschärft. Kalas Bühnen sind ins Unbehauste aufgerissene Erinnerungs- und Fantasieräume, Visionen eines bevorstehenden Verfalls oder drohenden Untergangs. Der hohe Abstraktionsgrad lässt dem Betrachter die Freiheit, in den riesigen Welten seinen eigenen Ort zu finden. In ihrer offenen, monumentalen und auch spröden Form erinnern diese Räume an die Werke von Richard Serra.

Wir kommen auf den Fall der Berliner Mauer zu sprechen. Uta Kala hat lange Zeit gedacht, es sei ein Nachteil, in der DDR groß geworden zu sein. Doch heute erkennt sie darin den "historischen Vorteil von Ostdeutschen", die auf eine schmerzliche Weise zwei Systeme kennengelernt haben. Diese Erfahrung bringe sie in ihrer Arbeit in eine produktive Spannung: "Wir mussten uns 1989 bewegen, sonst hätten wir ganz schlechte Karten gehabt." Früher stand für Uta Kala das Trennende von Sozialismus und Kapitalismus im Vordergrund, nun sehe sie eher die Gemeinsamkeiten der beiden Systeme und Lebenswelten.

Uta Kala ist dabei, das nächste Neuland zu entdecken. Sie will selbst Regie führen und arbeitet dafür an einer Fassung von Fjodor M.

Dostojewskijs Aufzeichnungen aus einem Kellerloch. Es soll in Deutsch, Russisch und Englisch gespielt werden. Kala will Dostojewskijs Roman nicht aus einer Außenperspektive auf die Bühne bringen. Mit ruhiger Stimme sagt sie, die Menschen im Kellerloch, das sind wir selbst.