Auf dem Kriegspfad gegen das Öl – Seite 1

Freitag, 22. Juni, 16.45 Uhr. Boløvar Arando, oberster Polizeichef der fünf Gemeinden von Sarayaku steigt und rutscht über die steilen Lehmpfade durch den Dschungel. Auf dem Rücken trägt er eine Kiepe, so groß wie im Märchen. Der fast mannshohe Stock in seiner Rechten zeigt, dass er im Dienst ist. Der Stab weist ihn als Curaca aus, als Befehlshaber unteren Ranges. Boløvar eilt von Hütte zu Hütte.

Anklopfen muss er nicht. Die meisten Schutzbefohlenen leben ohne vier Wände, über die gestampften Böden wölbt sich ein Palmblätterdach auf Pfählen. Der Ordnungshüter sammelt Spenden ein. Jeder stopft Kochbananen und Maniok in Boløvars Korb. Morgen früh beginnt die Minga, der Gemeinschaftstag. Es wird ein großes Festmahl geben. Aber zuvor müssen alle Familien zusammen die Flugpiste ausbessern und das nachwachsende Dickicht roden.

Die paar Hundert Meter Grasnarbe, die sie dem Urwald abgerungen haben, sind für die rund 2000 Indianer vom Stamme der Quechua das Tor zur Welt. Nach Sarayaku in Ecuadors Regenwald führt keine Straße. Der Rio Bobonaza, der sich wie alle Flüsse aus den Kordilleren hundertfach gewunden ins Amazonastiefland schlängelt, ist die einzige ständige Verbindung. Das Einbaumkanu braucht zwei Tage für die 65 Kilometer bis zur Provinzhauptstadt El Puyo an der Ostflanke der Anden. Die viersitzige Cessna kommt von dort in gut einer halben Stunde über das Amazonasbecken. Sie gehört der Organisation der indigenen Völker aus der Provinz Pastaza und fliegt nach Bedarf für den stolzen Preis von 350 Dollar. Bringt einen Priester zu Trauungen und Taufen, ein paar Lehrer, Ethnologen, Ökologen. Wer aus der klapprigen Kiste auf die Grasnarbe steigt, zwängt sich sofort in Gummistiefel, weil der Lehm schnell jeden Schuh schmatzend vom Fuß ziehen würde.

Auch die Piste hätte sich der Regenwald bald wieder einverleibt, wären die 120 Familien von Sarayaku nicht ebenso solidarisch wie pragmatisch. Ihre Frauenbeauftragte Angelina Cuji, die mit dezentem Chic traditionelle Stammesbemalung trägt, lächelt: »Wenn unser Rat früher einen Mann für schuldig befand, seine Frau geschlagen zu haben, wurde er mit Brennnesseln gezüchtigt, bekam ein scharfes Gewürz in die Augen oder Tabaksaft eingetrichtert. Heute muss er vier Tage lang ganz allein die Flugpiste in Ordnung halten.«

Dazu kommt es nur noch selten. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft wirkt abschreckend. Und während andere indigene Völker durch den Druck der Globalisierung auseinandergesprengt werden, sind die Familien von Sarayaku noch enger aneinandergerückt, als es ihre Lebensweise schon immer bestimmte. Denn die fünf Gemeinden, die zu den ältesten Siedlungen am Rio Bobonaza gehören, sind zum pueblo en resistencia zusammengewachsen zum unbeugsamen Widerstand des ganzen Völkchens gegen die Ausbeutung der Ölvorkommen auf ihrem Territorium.

Unternehmen kaufen Konzessionen und bestechen Gemeindevorsteher

Auf 65 Prozent des Bodens, für den die unberührten Dörfer den Rechtstitel besitzen nur zur Nutzung der nichterneuerbaren Energien brauchen sie die Genehmigung des Staates hatte die Regierung schon vor Jahren Konzessionen an ausländische Ölkonzerne verkauft. Die Indianer wurden nicht gefragt. Seither haben die Gemeinden mit dem Organisationstalent eines Generalstabs und unterstützt von humanitären Organisationen alle Bestechungs- und Invasionsversuche der Kundschafter, Ingenieure und Ölarbeiter abgewehrt.

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Zwar dringt in ihre Hütten ohne Fernsehen, Telefone, elektrischen Strom kein Echo von den pompösen Klimagipfeln, von den Live-Earth-Konzerten, vom großen Entertainment der Weltverbesserung.

Doch ihr stiller, zäher Kampf um die Unversehrtheit der Natur ist zum Vorbild geworden für alle lokalen Ökologen, die das südliche Amazonasbecken mit der größten Artenvielfalt der Welt vor den Öl-Konquistadoren zu retten versuchen.

Wer verstehen will, was die 120 Familien von Sarayaku bewirkt haben und woher sie ihre Kraft beziehen, muss von Norden kommen. Auf der Spur der Verwüstungen, die Ölboom und illegales Holzfällen im Regenwald und quer durch die Indianersiedlungen hinterlassen haben.

Seit vor genau 40 Jahren der US-Konzern Texaco in Lago Agrio 1 die erste Ölfontäne aus dem Urwald sprudeln ließ, haben sich in 45 Millionen Hektar großen Naturschutzgebieten 18 in- und ausländische Unternehmen eingenistet von Italiens Eni-Tochter Agip über Houstons Burlington bis zu Brasiliens Petrobras. Über die Anden wird das schwarze Gold an die Pazifikküste gepumpt. Ecuador ist so zum viertgrößten Ölförderer Lateinamerikas geworden. Aus dem Geschäft stammen fast zwei Drittel seiner Exporterlöse. Sie kommen kaum dem schwachen Staat zugute, sondern vor allem der paternalistischen Privatwirtschaft. » Weine nicht um den Amazonas, du tankst Texaco!«, steht immer mal wieder an den Häuserwänden der Hauptstadt Quito obwohl der US-Konzern mit seinen Gewinnen längst auf und davon ist und mit den hinterlassenen Schäden von geschätzt sechs Milliarden Dollar nichts zu tun haben will. Der Region hat die Förderung von insgesamt vier Milliarden Barrel seit 1967 nur eine Brache beschert. Die Region Sucumbios im Nordosten ist die ärmste aller ecuadorianischen Provinzen geblieben.

Für die Indianer ist das Geräusch der Motorsägen eine Tortur

Wo selbst die nach Gold jagenden Spanier einst die Ureinwohner Amazoniens nicht weiter verfolgen konnten, wo erst die Missionare vor gut einem halben Jahrhundert den noch nackten Indigenas ihre Geschenke aus Hubschraubern zuwarfen, hat das Ölfieber seither viele kleine Stämme niedergeworfen. Gesundheitlich ruiniert, gespalten, vertrieben oder ganz hinweggerafft. Von zwei ausgelöschten Völkern leben nur noch die Namen weiter: Ölfelder ein Höhepunkt des Zynismus sind nach ihnen benannt, »Tetete 1« und »Sansahuari 1«.

Die Indianer vom Stamm der Huaorani haben sich zwar vor der Ausrottung gerettet. Aber Wild und Fische, von denen sie lebten, sind verschwunden. Mit Geld und Technik können sie nichts anfangen. Sie zahlen 50 Dollar für eine Cola oder lassen sich einen Eisschrank andrehen, für den sie keinen Strom haben, einen Jeep, den sie nicht fahren können. Selbst fällen sie keine Bäume, doch lassen sie sich den illegalen Holzeinschlag bezahlen. 2003 brachten Huaorani 26 Frauen und Kinder vom Stamm der Taromenani um, während deren Männer auf der Jagd waren. Die Taromenani leben in der vom Staat garantierten Schutzzone der »verborgenen Völker« und lehnen jeden Kontakt mit der Zivilisation ab. Für ihre Ohren sind Motorsägen und Helikopter eine Tortur, und deren Betreiber sehen sie als Feinde an. Niemand in der Gegend zweifelte nach dem Massaker daran, dass die Holzfäller dahinter steckten. Doch der lokale Staatsanwalt entschied, er könne den Fall nicht untersuchen, weil die Huaorani ja keine Personalausweise besäßen.

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Erst als sich in den vergangenen Jahren einige Führer auch der größeren Stämme wie der Achuar und der Shuar zur »Föderation der Ureinwohner des ecuadorianischen Amazonas« zusammenschlossen, konnten sie der Missachtung durch Regierung und Gesellschaft ein eigenes Profil und Programm entgegensetzen. Doch Bestechungsgelder und die Verlockungen, selber ein paar Randstücke vom großen Ölkuchen abzubekommen, spalteten die Stämme bald wieder.

Die Quechua von Sarayaku dagegen haben sich weder korrumpieren lassen, noch wollen sie sich vor der Globalisierung im Dschungel verstecken.

Sie stehen für die Hoffnung, dass Widerstand gegen die großen Ölkonzerne möglich ist. Im Zentrum der Provinzhauptstadt El Puyo unterhalten sie eine Art Außenministerium in zwei Räumen.

Im Zimmer der Finanzabteilung gleitet Marlon Santi das lange, schwarze Haar unter dem blauen Stirnband von der Schulter über den Laptop. Der knapp 30-Jährige war in Sarayaku schon Präsident des Regierungsrates.

Inzwischen reist er als Botschafter seines Völkchens, vertritt es am Amazonas und vor dem Interamerikanischen Menschengerichtshof in Costa Rica. Dort klagt das kleine Sarayaku gegen den ganzen Staat Ecuador, gegen ConocoPhilips und die argentinische Ölfirma CGC.

»Allein gegen alle, Marlon?«

»Allein gegen 1450 Kilogramm Sprengstoff, die sie auf unserem Gebiet eingegraben haben. Seit vier Jahren versuchen wir, das Teufelszeug loszuwerden, aber keine Regierung in Quito hat dafür bisher auch nur einen Finger gekrümmt. Noch immer ist der Vertrag in Kraft, der Sarayakus Territorium zur Ölförderung freigegeben hat. Solange er nicht vom Tisch ist, gibt es keine Garantie, dass bei uns die Menschenrechte geachtet werden. Wir haben gesehen, wie sie im nördlichen Teil unseres Regenwaldes im Öl ertränkt worden sind. Dort ist der Lebensraum zerstört. Wir wollen den letzten Rest, den Süden Amazoniens retten.«

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Wenn die Cessna im Urwald landet, eilen die Kinder barfuß herbei

Mit diesen Quechua ist nicht zu spaßen. Sie tragen keine Kriegsbemalung mehr. Aber sie verteidigen ihre Kultur mit den Waffen und der Logistik der ersten Welt, mit Bildungsdrang, organisatorischer Umsicht und formaler Präzision. Wer ihre Gastfreundschaft genießt, bekommt das auf allen Dschungelpfaden zu spüren. Nichts wird vergessen. Kein Fetzen Plastik, keine Flasche, kein Müll beleidigt die vom Regen aufgelösten Pfade ihrer großen Mutter Erde.

Immer wenn die Cessna im Regen holpernd auf Sarayakus Grasnarbe ausrollt, strömen die Kinder barfuß durch die Wasserfontänen herbei, die das Flugzeug versprüht. Boløvar, der Polizeichef, steht mit dem Funkgerät an der Piste. Er erstattet dem Flughafen bei El Puyo Meldung und gibt nach dort auch die Starterlaubnis durch, wenn der Himmel klar ist oder seine Schleusen nicht zu tief über dem Regenwald öffnet. An den Stäben des Empfangskomitees lässt sich ablesen, dass fast die gesamte Administration angetreten ist. Die Curaca die Polizisten aus den fünf Gemeinden in Gummistiefeln, Shorts und T-Shirts. Die Vizepräsidentin und die Gesundheitsbeauftragte in Jeans. Zusammen mit dem Gast ist ihr Präsident aus El Puyo zurückgekehrt. Als sich die Koordinatoren und die Curaca, die Kinder und die Köter um Dionisio Machoa scharen, wird der größer gewachsene Mann sichtbar zum Häuptling: Sein Kopf mit dem Stirnband ragt aus dem Pulk heraus, die blauschwarzen Haare fallen auf ein blütenreines, beigefarbenes Baumwollhemd, wie es die Quechua aus dem Tiefland zu feierlichen Anlässen tragen. Vor drei Monaten hat die Vollversammlung den 33-Jährigen gewählt. In Sarayaku hat er die eigene Grundschule besucht, in El Puyo das Gymnasium und in der Großstadt Cuenca studiert: integrale Gemeindeentwicklung zuerst, danach Management für natürliche Ressourcen.

Machoa blickt auf die Uhr. Jeden Freitagnachmittag tritt der Regierungsrat zusammen. Der Tross mit den Koffern, Plastiktüten, Maissäcken, Ersatzteilen aus El Puyos Supermarkt balanciert auf der schwankenden Hängebrücke über den vom Dauerregen braunen und reißenden Rio Bobonaza. Immer wieder mal steigt der Fluss bis zur Hüfthöhe in die tiefer gelegenen Hütten. Die Indianer lachen ihn dann ein wenig aus: Er findet nicht viel Unersetzliches. Setzt ein paar Enten um, die jeweils wieder vor einer anderen Hütte landen. Die Kletterpartie durch den Morast zu den verstreuten Gemeinden ist eine kleine Expedition. Im Regen sprüht der Dschungel wie ein grünes Feuerwerk. Er füllt das Amazonasbecken hier mit so viel Baum- und Pflanzenarten, wie sie ganz Nordamerika und Kanada zusammen nicht aufweisen.

Die Einheimischen sind katholisch und halten die Geister in Ehren

Das hoch gelegene Zentrum der Gemeinden bildet einen Kreis um ein großes, sandiges Plateau. Die Verwaltungsgebäude haben Wände aus Holz, die der Regen grau gefärbt hat. Gleich rechter Hand führen die Frauen ihre Genossenschaft in Amazonien steht Sarayaku mit dieser Institution einsam da. Auf einem großen Papierbogen an der Tür sind die Namen und die Schulden aller Kreditnehmerinnen mit krakeliger Schrift eingetragen. Ein, zwei Dollar sind die Regel, auf 23,70 beläuft sich der größte Rückstand. Neben der Genossenschaft gibt es ein Warte- und Sprechzimmer. Bisher flog der Doktor aus El Puyo von Zeit zu Zeit ein. An diesem Tag ist das Wartezimmer voll. Ein junger Arzt, frisch von der Universität, ist gerade angekommen und wird ein ganzes Jahr bleiben. Die Holzkirche beherrscht die rechte Seite des großen Sandplatzes. Alle Quechua hier sind katholisch, bauen auf die Schamanen und halten die Geister ihrer Umgebung in Ehren. Eine katholische Missionarin, die seit elf Jahren unter den Ureinwohnern lebt, läutet am Sonntag um 9 Uhr zur Messe.

Der Kirche gegenüber liegt links die große, ovale Halle des Regierungsrates. Von außen wirkt sie wie eine Scheune. Im Innern hat der Geist von Sarayaku eine fast ergreifende Mischung aus indigener Handwerkskunst und kommunaler Repräsentation geschaffen. Die prächtig gestaltete Decke aus Palmblättern wölbt sich wie ein Zirkuszelt. Der lange Präsidiumstisch an der Stirnseite ist in tiefem Blau abgedeckt.

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Die Ratsstühle verzieren geschnitzte, braun gebeizte Tierköpfe.

Routinesitzungen, wie an diesem Freitag, werden von einem weniger prächtigen Seitentisch geleitet. Die Gemeindemitglieder sitzen auf handgefertigten, beinlosen Schemeln aus Baumstümpfen. Der Saal steht offen wie ein Scheunentor. Manchmal trollt ein Kind herein, öfter machen wedelnde Hunde die Runde. Nichts stört die peinlich genau beachteten formalen Prozeduren.

Dionisio Machoa stellt seine Regierung vor: die etwas misstrauische Vizepräsidentin, die Polizisten, den Vermittler zwischen den Gemeinden, den Fachberater, der schon in Europa war, schließlich Marco Aranda, den Koordinator. Der muss mangels Telefonen und Handys die verstreuten Gemeinden zu den Sitzungen zusammentrommeln. Sie alle sind Ende April von der bisher dritten Gemeindevollversammlung für zwei Jahre gewählt worden. Zuerst die Polizisten, am Ende der Präsident.

Vor fast 30 Jahren haben die Ureinwohner begonnen, an einer eigenen Verfassung zu arbeiten. Seit 1992 bestimmt sie ihr Alltagsleben.

Wichtigster Tagesordnungspunkt an diesem Freitag: die Minga, die Gemeinschaftsarbeit zur Ausbesserung der Piste am nächsten Morgen.

Dorila hat Vorfahren, die aus Sarayaku weggegangen sind. Weil sie Verwandtenbesuch gewöhnt ist, wird der Gast zu ihr gebracht. Ihr Sohn heißt Pititango und spricht, weil er noch nicht zur Schule geht, kein Spanisch, nur Quechua. Ein zweites Kind hat Dorila verloren. Jetzt ist sie wieder schwanger. Ihr Mann ist Lehrer und hat nebenher einen kleinen Laden am Haus mit festen Holzwänden. Er verkauft, was die Indianer nicht selber produzieren können, zum Beispiel Zucker, Salz, Mineralwasser, Dosenfisch, Kerzen. Um neue Ware zu holen, ist er vor Tagen mit dem Einbaumkanu nach El Puyo aufgebrochen. Dorila macht Feuer in einer kleinen Mulde zwischen drei Baumstämmen, die an den Enden sternförmig zusammen geschoben worden sind. So kochen alle Frauen - wenige haben, wie Dorila, auch noch einen Herd mit einer Gasflasche.

Für 90 Prozent ihrer Nahrungsmittel sorgen die Quechua von Sarayaku selbst. Noch jagen die Männer mit Lanzen und alten Flinten im Dschungel. Der Rio Bobonaza gibt vorerst weiter einigen Fisch her. Er ist der Quell des Lebens und der Sauberkeit. Samstags steigen die Männer diskret in Unterhose und Gummistiefeln bis zum Bauch in den Fluss und seifen sich ab. Und Dorila klettert trotz ihrer Schwangerschaft mit Sohn und Nichte noch immer in das schmale Einbaumkanu, setzt über das reißende Wasser, um auf der anderen Flussseite zu ihren drei kleinen Feldern mit dem Maniok und den Bananenstauden zu laufen. Der Fußmarsch durch den Urwald dauert länger als eine Stunde. Die Felder der Frauen liegen bis zu zwei Stunden entfernt, weil die Indianer so viele hohe Bäume wie möglich um ihre Siedlungen erhalten wollen.

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Kurz nach 18 Uhr bricht die Dunkelheit herein. Die Familien sitzen im Kreis in ihren Pfahlbauten und erzählen. Zum gemeinsamen Essen reichen Kerzen oder Batterieleuchten mit abgespeicherter Sonnenenergie. Neben vielen Hütten stehen inzwischen Solarzellen. Wenn es der Umwelt zuträglich ist, lässt Sarayaku die moderne Welt herein und sich das sogar etwas kosten. Nicht nur die Sonne sehen die Ureinwohner in neuem Licht. Auch der nächtliche Dschungel um sie herum ändert sein altes Konzertprogramm. Um drei Uhr früh beginnen die Hähne von Sarayaku zu krähen. Die Hühnerzucht löst die Jagd ab, die Fischzucht wird folgen.

Aber die fünf Gemeinden sind für die Umstellungen gewappnet. Die von der Ölkatastrophe im Norden am schwersten betroffenen Indianerstämme nicht. Sie haben das Jagen, die Landwirtschaft, die Selbsternährung verlernt. Was ihnen die Ölgesellschaften als Gegenleistung versprachen, haben sie zumeist nicht bekommen. Sie kaufen alles in den Provinzstädten ein. Für ihre Handvoll Cent können sie sich, wenn sie krank sind, nur eine einzige Tablette kaufen.

Gegen 6 Uhr morgens weicht die vollkommene Dunkelheit. Die Familien gehen nüchtern an das Tagwerk. Frühstück gehört nicht zu ihrer Tradition. Doch bald schon kommt an diesem Sonnabend die Nachricht über den Rio Bobonaza, dass auf der anderen Flussseite jetzt der Ochse für das Festmahl geschlachtet wird. Noch vor acht Uhr sammeln sich die ersten Familien am Ende der Piste. Der Tag ist heiter, aber schwül von der Feuchtigkeit, die aus dem Regenwald aufsteigt. Die Curaca deuten mit ihren Stäben wie Feldherren in verschiedene Richtungen. Noch sind es nur wenige Frauen, die mit ihren Macheten auf das hohe Gras und die nachgewachsenen Stauden losgehen. In diesem Moment erscheint die Landebahn endlos lang und grün verfilzt und die Aufgabe bis zum Mittag nicht zu lösen. Doch nur wenig später haben Familienkolonien von überall her die Piste in voller Länge erobert. Sie sieht nun wie ein bunter Flickenteppich aus.

Es gibt keine Arbeitsteilung. Starke Männer und Mädchen im Teenageralter, die Missionarin und kleine Jungen schleppen Sandsäcke vom Fluss herauf und leeren sie über den Löchern in der Landespur aus.

Frauen tragen ihre Babys in weißen Tüchern auf den Rücken gebunden, während sie gebückt die Machete sausen lassen. Kleinere Mädchen stehen über Stunden fast unbeweglich und halten ihre jüngsten Geschwister im Arm. Kein Älterer stöhnt, kein Kind weint. Die Quechua kennen keinen Unterschied zwischen Freizeit und Arbeit. Die Eltern von Sarayaku erziehen ihre Kinder nicht in der Öffentlichkeit und überhaupt nicht sichtbar. Mit drei Jahren kann jedes Mädchen und jeder Junge schwimmen. Ertrunken ist noch niemand. Alles lehrt die Gemeinschaft: Arbeit, Freude, Würde, Identität. Auch das Einebnen der Piste an diesem Tag liegt auf dem Weg dorthin.

Aus dem großen Pfahlbau am Rande der Landebahn steigen Rauchzeichen auf. Ältere Frauen zerlegen mit ihren Macheten den Ochsen. Männer schaffen Holz herbei und schüren Feuer unter großen Kesseln. Fett und Muskelpartien kommen in die Kräuterbrühe. Alle besseren Fleischteile werden in Schüsseln gewaschen. Der Kreis um die Töpfe wird immer größer, die Piste ist wieder aus dem Dschungel geschoren. Die Köchinnen wickeln das gare Rindfleisch in unterschiedlichen Portionen mit breiten, grünen Blättern ein. Jede Familie bekommt ein Paket, das ihrer Größe gerecht wird.

Vor 30 Jahren kamen die Ölfirmen und zerstörten alles, was heilig war

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Beim Festmahl bleiben die häuslichen Gemeinschaften unter sich. Zum Essen macht die Schale mit der unverzichtbaren Chicha die Runde. Alle schwören auf den Nährwert dieses zu Alkohol gegorenen Getränks aus der Maniokwurzel. Die Frauen kauen die Knollen der tropischen Kulturpflanze vor und speien sie in die großen, alten Keramikkrüge.

Nach einigen Tagen haben die Enzyme den Saft in ziemlich Hochprozentiges verwandelt.

So sieht der Frieden von Sarayaku aus. Aber seine Verteidigung hat die fünf Gemeinden viel Kraft gekostet. Vor fast 30 Jahren begann der Einbruch der Ölfirmen in alles, was für die Quechua hier im Süden heilig geblieben war und ist. Seither gab es Wochen und Monate, da sie alles stehen und liegen lassen mussten. Den Fischfang, die Jagd, die Schule, den Kindergarten, die Piste, die Feste. Gemeinschaftsarbeit hieß nur noch, Wachposten aufzustellen, in den Dschungel auszuschwärmen, in Fußmärschen über acht Stunden den eindringenden Männern und Maschinen zuvorzukommen, Tag und Nacht an den neuralgischen Posten im Urwald auszuharren.

Anfangs war es das Feld 10, für das Agip die Konzession bekommen hatte, das zu verteidigen war. Die Frauen strömten auf dem Gelände zusammen und stellten sich den Ölarbeiten in den Weg. Später erhielt die argentinische Ölfirma CGC den Zuschlag für das Ölfeld 23 über 200000 Hektar, die mehr als die Hälfte des Territoriums von Sarayaku ausmachen. Das texanische Unternehmen Burlington Ressources bekam das Feld 24 weiter südlich. Die Unternehmen schoben ihre Anteile hin und her, auch ConocoPhilips war mit von der Partie. Ecuadors wechselnde Regierungen versprachen Schutz, gewährten Aufschübe und machten ihre Zusagen umgehend wieder rückgängig. Kundschafter tarnten sich für ihre Bodenuntersuchungen als Touristen. Gleichzeitig überredeten die Vertreter von CGC freundlich und großzügig andere Gemeinden zu Einzelverträgen. Im Mai 2002, so haben es die Indianer von Sarayaku in ihren Annalen festgehalten, bot ihnen ein Ingenieur namens Ricardo Nicolás 60000 Dollar für ihr Ja-Wort. Sie lehnten ab. CGC verlor die Geduld. Begann mit seismografischen Messungen. 260 Hektar Wald wurden gerodet. 82 Hubschrauberlandeplätze, so behaupten die Widerständler, seien für die Versorgung mit Materialien vorgesehen gewesen, Dutzende von Lagern für jeweils 20 Arbeiter dazu. Die 1450 Kilogramm Sprengstoff, die nachweislich und von der Regierung bestätigt auf dem Territorium eingegraben sind, belegen diese Angaben.

CGC nahm einen Radiosender namens MIA unter Vertrag, dessen Programm in den Sprachen der Quechua und der mit ihnen verbündeten Ashuar die Führung in Sarayaku attackierte und die Gemeinden der Region gegeneinander ausspielte. Die Folge waren Scharmützel zwischen Sarayaku und dem ebenfalls am Rio Bobonaza gelegenen Ort Canelos, dessen Bewohner sich ihre Bedenken von den Ölfirmen abkaufen ließen.

Ecuadors Innenminister versprach Ende 2002 den Rückzug von CGC einen Monat später gaben Soldaten in Camouflage eindringenden Ölarbeitern Flankenschutz. Die Militarisierung der Region drohte.

»Am Ende haben wir verbrieft bekommen«, sagt David Malavez, der Berater der Gemeinderegierung, den der Weg schon bis nach Europa führte, »dass wir hier seit ewigen Zeiten das Recht auf den Boden besitzen. Aber der Preis ist hoch gewesen. Selbst die kleinsten Kinder mussten wissen, worum es ging, und auf ihrem Posten sein. Und alle wissen, dass wir gerade eine Schlacht, aber noch lange nicht den Krieg gewonnen haben.«

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Noemi Gualinga, gelernte Krankenschwester und zur Gesundheitsbeauftragten des Indianerstammes gewählt, bekräftigt: »Die lange Belagerung durch die Ölfirmen ist für alle zermürbend gewesen.

Wir haben uns viel zu wenig um die Kinder und die Alten gekümmert.

Alle Kräfte waren auf die Abwehr der ständig drohenden Invasion gerichtet. Das hat auch die Stärksten spürbar geschwächt.«

»Ist die Existenz der Gemeinden langfristig bedroht?«

Die Krankenstation erinnert an Albert Schweitzers Anfänge in Lambarene

»Nein, wir sind gerüstet. Die Demografie macht uns keine großen Sorgen. Zwar wollen unsere jungen Ehepaare heute nicht mehr als vier Kinder haben. Aber damit können wir leben. Wir werben nur dafür, dass die jungen Frauen nicht unter 18 Jahren Mütter werden. Was die medizinische Versorgung betrifft: Wir müssen für eine bessere Abstimmung zwischen den alten Heilmethoden und der Schulmedizin sorgen. Zum ersten Mal organisieren wir jetzt Seminare mit Ärzten, um über die Zusammenführung beider Wege zu informieren. Leider ist schon viel Wissen der Großväter verloren gegangen. Deshalb richten wir im Haus an der Piste, wo die Frauen gestern das Festmahl kochten, ein Krankenhaus für unsere traditionellen Behandlungsmethoden ein. Alle Kräuterkenner, die verstreut in den fünf Gemeinden leben, sollen ihre Kenntnisse zusammentragen und anwenden.«

Die Kräuter gegen die häufigsten Krankheiten der Indianerkinder Bronchitis und Diarrhö hat Elisa Cisneros um das alte Krankenhaus angepflanzt. Es liegt oben hinter dem Zentrum der Gemeinden und ist von der staatlichen Sozialversicherung für die Landwirte eingerichtet worden. Alle Bauern in Sarayaku gehören ihr an. Die Station erinnert an Albert Schweitzers Anfänge in Lambarene. Elisa betreut das Krankenhaus seit vier Jahren alleine. Dominikanerinnen in der Provinzhauptstadt El Puyo haben sie zur Krankenpflegerin ausgebildet.

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Inzwischen kommt sie auch als Hebamme in die Hütten der Gemeinden.

Kranke gibt es zurzeit nicht auf der Station.

Was hat diesen Indianern überhaupt die Kraft gegeben, ihren Widerstand durchzuhalten, ihre Opposition zu systematisieren, statt nach einem kurzen, flammenden Aufstand zu resignieren?

Die Quechua vom Rio Bobonaza haben verstanden, dass es für sie keine Flucht gibt. Sie verteidigen, was ihnen als spirituelle Dimension von Sarayaku gilt. Niemand darf die geheiligten Geister vertreiben, die den Fluss und die Stromschnellen, die Seen, die Berge und den Boden unter ihren Füßen bewohnen. Die Geister beschützen seit Gedenken der Ureinwohner auch die Tiere. Sie sind der Quell aller inneren Einheit, die das Selbst der Menschen bestimmt. Von ihnen stammt das Wissen, das die Heilkräuter, die Riten, die Schamanen, die Legenden weitertragen.

Doch zugleich ist diese Indianergemeinde weise genug, um zu erkennen, dass man sich selbst nur gleich bleiben kann, wenn man neues Wissen mit dem alten verbindet. Das ist das eigentliche Geheimnis von Sarayaku, das sich doch offen ausbreitet: Es beginnt beim Kindergarten. Führt zur Hütte für traditionelle Fähigkeiten, wo die Jungen Körbe flechten und die Mädchen Steingut brennen. Bezieht die Grundschulen in allen fünf Gemeinden ein. Das Gymnasium mit fast 50 Schülern und fünf auswärtigen Lehrern ist der besondere Stolz. Und in diesen Tagen wird all das noch übertroffen durch die erste Generation von 30 Studenten, die nach vier Jahren ihr Lehrerdiplom erhalten haben dank eines Studienganges, den ein Sonderabkommen mit den Universitäten in Cuenca und im spanischen Lleida ermöglichte.

Das neueste Wahrzeichen auf dem Schul-Campus im Dschungel aber ist die große Parabolantenne. Urwaldpflanzen umschlingen sie fast wie die Schlangen einst Laokoon. Ein Vorzeichen für die trojanische List der Globalisierung? Nein, versichern die Bildungsstrategen von Sarayaku, das Internet und das Fernsehen werden allein der Schule dienen, die Mattscheibe soll nur im Unterricht eingesetzt werden. Die Lehrerin für Informatik, eine Belgierin, ist schon da. Sie hat einen Einheimischen geheiratet, der bis Brüssel gekommen war. So ist Sarayaku vernetzt, ohne sich schon in Abhängigkeit verstrickt zu haben.

Eine belgische Nichtregierungsorganisation unterstützt auch den Balanceakt, zusammen mit den Umweltschützern von Amazon Watch und der ecuadorianischen Organisation Pacha Mama (Mutter Erde). Die Ölfirmen verbreiten gerne, dass Sarayaku nur eine Filiale von NGOs sei. Das ist ein Propagandamärchen. Aber auf den Rat von Ökologen und Menschenrechtlern können die Indianer nicht verzichten, um vom globalisierten »Feuerwasser« der Ölfirmen, Holzindustrie und Pharmakonzerne nicht doch verwirrt zu werden. Die Entscheidungen zwischen Selbstgenügsamkeit und Segnungen des Fortschritts verlangen einen weiten Horizont. Das zeigt sich am Sonntag gleich nach der Messe.

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Feierlich herausgeputzt über den unvermeidlichen Gummistiefeln und mit den Kindern auf dem Rücken kommen die Kirchgänger über den Hauptplatz zur Gemeindehalle. Der Regierungsrat hat zu einer Sondersitzung geladen. Eine spanische Wissenschaftlerin, die ein an der baskischen Universität gegründetes Privatunternehmen vertritt, preist ein Verfahren zur medizinischen und kosmetischen Nutzung von Wirkstoffen aus Pflanzen und Früchten an. Die Referentin spricht ausholend von Proteinen, Vitaminen, Antioxydantien, von Cremes, der Verhinderung von Krebs: »Und mit unserer Technologie könnt ihr alle Pflanzen, die ihr kennt, auf Wirkstoffe untersuchen, ihr könnt selber Produkte herstellen. Wir bieten auch an, die Lizenz zu kaufen und möglicherweise könnte da ein Abkommen mit der baskischen Regierung finanziell helfen.«

Wie auch immer der Regierungsrat von Sarayaku über dieses Angebot befinden mag, es sind solche Entscheidungen, die Dionisio Machoa, den Regierungschef, sagen lassen: » Die Globalisierung drückt auf unsere Kultur. Wir müssen unsere Kenntnisse der Realität anpassen. Auch unser Weltbild. Aber wir haben das alleine zu bewältigen. Wir möchten schon in Projekte einsteigen. Doch Projekte sind nicht das Leben. Nur wenn wir sie selber fortführen, haben wir nichts zu befürchten. Zu befürchten gibt es genug. Zum Beispiel die Biopiraterie. Dass sich indigene Bevölkerungen von den Pharmaunternehmen das Heil ihrer Natur abkaufen lassen. Und plötzlich sind einige Pflanzen, die wir nutzen, irgendwo im Ausland patentiert worden. Oder die Straßen, die angeblich nur Gemeinden verbinden sollen. Sind sie gebaut, werden sie zu Rollbahnen für den Holzeinschlag. Je mehr die Natur zerstört wird, desto wehrloser sind wir dem Markt ausgeliefert.«

Die Indianer haben Angst vor der Biopiraterie der Pharmafirmen

Welche Bedeutung aber hat Sarayakus Kampf um sein Territorium für den großen Ölpoker um das ganze Amazonasbecken Ecuadors? Alberto Acosta, von Januar bis Mitte Juni dieses Jahres Energieminister und einer der originellsten Köpfe der instabilen Andenrepublik, sagt fasziniert: »Diese Indianer sind zu Asterix und Obelix der Globalisierung geworden. Organisationstalent und der Glaube an die eigene Kraft bilden ihren Zaubertrank.«

Solch einen Zaubertrank könnte gerade Acosta derzeit gut gebrauchen.

Denn was die Indianer seit Jahren an der Basis zu erkämpfen versuchen, streben die Ökologen in Ecuadors linker Regierung seit diesem Frühjahr im Großen an. In seiner kurzen Zeit als Energieminister hat der 58-jährige Acosta, der einst in Köln Wirtschaftswissenschaften studierte, einen Plan propagiert, wie es ihn im Kampf um Umwelt und Klima noch nicht gab.

Dieses Projekt, entworfen von der kämpferischen Acción Ecologia in Quito, sieht vor, dass Ecuador ein ganzes Ölfeld im Amazonasbecken mit rund einer Milliarde Barrel nicht ausbeutet. Das Terrain östlich von Sarayaku birgt ein Fünftel aller Ölreserven des Landes. Die Förderung dieses Schatzes würde dem Staat über die nächsten 30 Jahre etwa 700 Millionen Dollar an jährlichen Nettogewinnen in die Kasse spülen. Doch die Regierung will das Öl in der Erde lassen, wenn ihr die internationale Gemeinschaft die Hälfte der damit ausfallenden Einnahmen also 350 Millionen Dollar über 30 Jahre lang ersetzt.

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Finanziert werden soll das Vorhaben durch die Annullierung von Auslandsschulden Ecuadors, durch Schenkungen von Staaten, NGOs, internationalen Netzwerken und idealistischen Privatpersonen. Das Geld soll vorrangig für die soziale und nachhaltige Entwicklung Ecuadors verwendet und durch internationale Treuhandschaft verwaltet werden.

Für dieses Amazonien-Projekt, das ein wenig an Fitzcarraldos fantasievolle Pläne in Werner Herzogs gleichnamigem Film erinnert, macht Ecuadors Regierung folgende Gegenrechnung auf: Das Nichtstun, das heißt der Verzicht auf die Ölförderung, würde dem Planeten Erde 108 Millionen Tonnen Dioxin-Ausstoß pro Jahr ersparen. Dazu vier Milliarden Dollar Reinigungskosten nach der Ausbeutung. Und die letzten drei Indianerstämme Ecuadors, die jeden Kontakt mit der Zivilisation meiden die Taromenani, die Tagaeri und die Oñamenane, die noch keinem Weißen begegneten könnten so überleben.

Denn das Ölfeld, das nach dem Fluss Tibutini und den indianischen Namen Ishpingo und Tambucocha (kurz: ITT) benannt ist, liegt in einem Nationalpark. Es birgt nicht nur die drei »unberührbaren« und von den Vereinten Nationen geschützten Indianerstämme, sondern auch die weltweit größte Pflanzenvielfalt pro Hektar. Zu den 200 Säugetierarten des Yasuni-Parks gehören der rote Flussdelfin und der Tapir, die beide vom Aussterben bedroht sind.

Am 5. Juni hat Ecuadors im November 2006 gewählter linkspopulistischer Präsident Rafael Correa ein einjähriges Moratorium für die Vergabe von Förderlizenzen verfügt. Seine Regierung trifft bereits die technischen Vorbereitungen für das Projekt von der Einrichtung der Konten bis zur Ausarbeitung von Zertifikaten. Der spektakuläre Plan hat unter den Umweltschützern weit über Ecuador hinaus bis hin zu Al Gore Begeisterung ausgelöst. Das Projekt ist eine Art Prototyp, dem wohl bald weitere Modelle aus anderen Teilen der Welt nachfolgen werden.

Flussdelfine und Tapire sind schon jetzt vom Aussterben bedroht

Doch zugleich erscheint dieses erste Unternehmen auch als eine Luftnummer. Warum soll die Weltgemeinschaft Ecuador subventionieren, ein Land, das reich an Bodenschätzen ist und arm vor allem wegen seiner über Jahrzehnte unfähigen Regierungen. Sie haben bereits acht Ölfelder an den Rändern des Yasuni-Parks zugelassen, die zu verheerenden Zerstörungen geführt haben. Für die Instandhaltung des Nationalparks hatten die vorangegangenen Kabinette jährlich gerade 50000 Dollar übrig erforderlich wären 500000, wie unabhängige Untersuchungen übereinstimmend ergeben haben.

Für all das ist die neue Regierung, in der Ökologen zahlreicher denn je vertreten sind, nicht verantwortlich. Aber auch sie hat sich über das Projekt zerstritten. Der für den Umweltschutz engagierte Präsident Correa braucht die Öl-Millionen für seine Sozialprogramme, die ihn so populär gemacht haben wie Hugo Chávez im Nachbarland Venezuela. Correa wird sich an das Moratorium halten. Wenn nach einem Jahr die Millionen aus aller Welt nicht zusammengekommen sind, kann er seine Hände in Unschuld waschen und den Ölfirmen das Feld überlassen. Der mächtige Chef der staatlichen Ölgesellschaft Petroecuador, Carlos Pareja, sagt mit trockener Demagogie: »Es ist undenkbar, dass der Reichtum im Boden und die Armut auf der Erde bleibt.« Er hat bereits ein Konsortium für die sofortige Ausbeutung des Ölfeldes gebildet mit Brasiliens und Chinas staatlichen Ölkonzernen.

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Wegen der ständigen Querelen mit den »Petroleros« hat der Indianerfreund und grüne Energieminister Alberto Acosta Mitte Juni das Handtuch geworfen. Trotz des einjährigen Moratoriums werden die Ökologen ihr Projekt und den Nationalpark am Ende kaum retten können.

Doch haben sie eine zweite Verteidigungslinie, die sie halten können.

An ihr stehen die Indianer von Sarayaku. Wenn schon die Ölquellen im Yasuni-Park ausgebeutet werden und dem Staat jährlich 700 Millionen Dollar einbringen dann wären die Verluste der Ölfelder 23 und 24 auf dem Territorium der fünf Quechua-Gemeinden zu verschmerzen. Der große Plan Sarayakus, wenigstens den Süden Amazoniens zu retten, kann aufgehen.Er schweißt schon heute alle Ökologen Ecuadors zusammen.

Guillaume Fontaine, Ölexperte und Professor an der renommierten Fakultät Lateinamerikas für Sozialwissenschaften (FLASCO) in Quito, zweifelt nicht: »Sarayaku hat den Kampf gegen CGC und Burlington schon gewonnen auf dem Feld der Symbolik. Und die zählt hier.«

Die kleinen Indianer gegen Big Oil. Sie haben einen »Lebensplan für die nächsten 50 Jahre« aufgestellt. Darin teilen sie ihr Territorium in Räume für die Landwirtschaft, die Besiedlung, die Jagd, die Biodiversität ein.

Selbst Fremden wollen sie mit größter Vorsicht Zugang gewähren: Alle zwei Monate sollen dann bis zu 18 Touristen an Regenwald-Exkursionen teilnehmen dürfen, die Indianer leiten. Nur eine Zone für Öl sieht dieser Plan nicht vor. Und auch von einer Betonierung der Piste ist nichts gesagt. Die Tage der Gemeinschaftsarbeit sind nicht gezählt.