Gleich zwei Filme werden in diesen Monaten über Ray Kurzweil gedreht. Der eine, mit dem Arbeitstitel »Eine wahre Geschichte über die Zukunft«, übersetzt seine Vision für das Jahr 2030 in bewegte Bilder: die Verschmelzung von menschlicher und Künstlicher Intelligenz, die Symbiose von Mensch und Maschine. Keine leichte Aufgabe für den Regisseur. Der andere Film dokumentiert das Leben von Ray Kurzweil, und das Projekt ist ebenfalls ambitioniert. Denn wer ist Ray Kurzweil: seriöser Forscher, dynamischer Unternehmer, neurotischer Gesundheitsapostel, cleverer Kommunikator? Als Technologiespezialist und akribischer Rechercheur hat er sich einen Ruf als Visionär erworben. Er hat eine Firmenholding beachtlicher Größe aufgebaut und agiert als deren Vorstandsvorsitzender. Seine Theorien zur gesunden Lebensführung sind in Amerika fast schon Kult. Und als Marketing-Zauberer in eigener Sache ist er erfolgreicher Buchautor und Vortragsreisender.

Eine solche Kombination wäre in Deutschland kaum denkbar und ist auch in den USA nicht alltäglich. Wie bei einem Kaleidoskop setzen sich die Aktivitäten Kurzweils zu immer neuen Mustern zusammen: Er produziert, was er erforscht - er kommuniziert, was er erforscht - er erforscht, was er kommuniziert - er produziert, was er kommuniziert. Die Vielfalt der Rollen begründet Kurzweils kommerziellen Erfolg ebenso wie das Ansehen, das er als kreativer Kopf genießt. Aus seiner Sicht sind die natürlichen Facetten eines Erfinders wie ihm. Undenkbar wäre es für ihn, ausschließlich wissenschaftlich zu arbeiten. » Ich will das Leben anderer Leute aktiv beeinflussen und nicht nur an wissenschaftlichen Belegen feilen«, erklärt er. Sendungsbewusst und ergebnisorientiert, wie er nun einmal ist, sieht er im Unternehmertum den effektivsten Weg, den Fortschritt zu fördern. Inzwischen beschert ihm das auch ein hohes Maß an Unabhängigkeit: »Früher war ich auf Investoren angewiesen, aber in den vergangenen Jahren konnte ich meine Projekte größtenteils selbst finanzieren.«

Der kleine, drahtige Mann arbeitet in einem Vorort von Boston. Auf den Firmensitz in einem Gebäude aus schmutzigem Waschbeton weist kein Schild hin und kein Name. Kurzweil möchte nicht, dass sein Arbeitsort bekannt wird. » Es ist besser, nicht allzu sichtbar zu sein«, sagt er.

Schutz vor Fans oder Schutz vor Feinden? Kurzweil schweigt dazu.

Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt er sich mit Künstlicher Intelligenz. Bereits als 17-jähriger, im Jahr 1965, baute er einen Computer, der klassische Musik komponieren konnte. Das war die erste von vielen Erfindungen. Kurzweil entwickelte den ersten flachen Scanner, die erste Software zur Buchstabenerkennung und ein Programm zur Umwandlung von Texten in gesprochene Sprache. Aus der Kombination dieser Techniken entstand das erste Lesegerät für Blinde. Auf Anregung der Pop-Ikone Stevie Wonder erfand er zudem das elektronische Keyboard Kurzweil 250 und zahlreiche Nachfolge modelle.

Sein Aktionsfeld ist derart groß, dass es Beobachtern schwerfällt, den Überblick zu behalten. Denn auch theoretisch hat sich Kurzweil, der Ende der sechziger Jahre am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Informatik und Literatur studierte, mit den Potenzialen einer hoch technisierten Gesellschaft beschäftigt. Fünf Bücher schrieb er, und ausgehend von dem jeweils neuesten Stand in Forschung und Technik gelangen ihm spektakuläre Voraussagen, die sich dann auch noch erfüllten. So traf er schon in den achtziger Jahren die Prognose, dass sich Computer weltweit vernetzen würden.

Früher beriet Kurzweil den US-Präsidenten Bill Clinton in Technikfragen, gegenwärtig das amerikanische Militär zum Risiko biotechnischer Waffen. 1999 erhielt er die höchste amerikanische Auszeichnung für Erfinder, die Na-tion-al Medal of Technology, und drei Jahre später einen Platz in der National Inventors Hall of Fame.