Die Wahrheit liegt auf der Straße – Seite 1

Jörg Fauser hatte ein rundes Gesicht und dunkle Haare, er lief mal mit Schnurrbart herum und mal ohne, er trug gern Lederjacken und hatte immer eine große, unförmige Brille auf, hinter der seine Augen groß und traurig und seltsam leer auf diese Welt blickten. Es ist diese Leere, die mir fremd ist; es ist diese Leere, um die seine Bücher kreisen.

Er war ein Suchender und Verlorener, ja klar, er war ein Gossenromantiker der schlimmsten Sorte, er war ein brillanter Beobachter, er war einer dieser Bürgersöhne, die sich volllaufen lassen und ihr Geld in die Puffs tragen und sich ausnehmen und verprügeln lassen, weil sie daran glauben wollen, dass sie im Elend einen Sinn finden. Er glaubte an die Arbeit, und er glaubte an den Rausch, er war der Sohn eines Malers und einer Schauspielerin, er wäre aber wohl immer Außenseiter geblieben, ganz egal, weil er eine Wut in sich trug, die echt war, und eine Liebe zur Wahrheit, die in den Worten lag, die verletzlicher sein können als all die Faustschläge, von denen er erzählte. Er war ein toller Schriftsteller, so plump kann man das sagen. Er war als Schriftsteller Journalist und als Journalist sehr viel Schriftsteller, und das ist ein Kompliment. Er war ein sehr verletzlicher Mensch, warum sonst hätte er die harten Männer so bewundert.

Vor zwanzig Jahren starb er, wie eine Figur aus einem seiner Romane, er hatte seinen Geburtstag in München im Schumann’s gefeiert, war in die Nacht verschwunden und vielleicht auch in einem Bordell in Ramersdorf, gefunden haben sie ihn gegen halb fünf Uhr morgens auf der Autobahn A94, im Osten von München, ein Lastwagen hatte ihn überfahren, da war er gerade 43 Jahre alt. Der letzte Satz des Romans, an dem er gerade arbeitete, lautet: »Sie ließ sich vom Taxi zum Ludwig’s fahren und rief Guido Franck an.« Das Ludwig’s ist das Schumann’s, der Roman heißt Die Tournee und erscheint jetzt als Fragment zum ersten Mal, und wie immer bei Jörg Fauser verwischen in seinem Tod die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion, was Fauser machte, war ja schließlich auch Pop, selbst wenn die Fakten hart waren, und natürlich war hart auch seine Prosa.

Der Schneemann und Das Schlangenmaul, so hießen die Krimis, die er in den frühen achtziger Jahren geschrieben hat, und sie sind nicht deswegen gut, weil hier jemand wie Raymond Chandler geschrieben hat – diese Bücher zeichnen sich auch heute noch dadurch aus, dass hier jemand wusste, wie Frankfurt am Morgen riecht, wie sich eine Nacht in Berlin anfühlt, welches Licht München erst erträglich macht, wer die Menschen im Schatten sind und wer die im Neonlicht. Es war ein Gegenwartshunger, der Fauser antrieb, sein Thema war dieses Deutschland, war diese BRD, die er mit einer Genauigkeit schilderte, die der Reporter gelernt hat. Sein bestes, sein bleibendes Buch freilich handelte erst einmal von ihm, Jörg Fauser, Rohstoff hieß der autobiografische Roman, der von der Sucht nach Heroin genauso erzählt wie von der Sucht zu schreiben – und wer heute Die Tournee liest, der wird ein wenig von jenem Drama verstehen, das jeder Schriftsteller durchmacht, wenn er merkt, dass zwischen dem Leben und der Literatur eine Kluft bleibt, die sich nicht schließen lässt, nicht mal durch den Tod.

Die Tournee ist ein schönes, ein trauriges, ein bemühtes Buch, das zeigt, mit welcher Macht Fauser Schriftsteller sein wollte, dieser manchmal fast etwas lächerliche Druck, ein richtiger, großer Schriftsteller, einer wie Fallada, den er bewunderte. Oder einer wie Feuchtwanger, an dessen Gesellschaftspanoramen Die Tournee erinnert, diese verschiedenen Milieus, die scharf gezeichneten Figuren, die Historie, die ihnen Grund und Tiefe gibt, bei aller angenehmen Oberflächlichkeit. Es ist die Galeristenszene Münchens, die hier geschil-dert wird in all ihrer schicken Verkommenheit, und der stickige Alltag eines Berliner SPD-Veteranen, es ist christliche Heuchelei in Frankfurt und das Elend eines Tourneetheaters in der Provinz der Kurbäder, es sind Biografien aus diesem Land und das Lügengebäude eines Lebemanns. Kein Krimi, kein selbstzerstörerischer Ich-Erzähler – sondern episodisch, sprunghaft, umfassend, »die Republik 87«, wie Fauser in sein Notizbuch schrieb.

Die Wahrheit liegt auf der Straße – Seite 2

Hier, in diesen Notizen für den weiteren Verlauf des Romans, sieht man auch, mit welcher Recherche Fauser seine Romane anging – die Reportagen, die manchmal wie auf dem Weg entstanden, sind dabei oft von größerer literarischer Kraft und Freiheit, sie ergeben, zusammengenommen mit Rohstoff und auch in der nun vollendeten Gesamtausgabe, im Alexander Verlag erhältlich, ein Werk, das das neongrelle Schattenland vor der Wende so gut beschreibt wie wenig sonst. Stehausschank, Nachtcafé, Dezernat für Kunstfälschungen, das sind die Schlagworte der Recherche, die Fauser sich für München vorgenommen hatte; dahinter verbirgt sich eine Haltung, die zu einem Ton geführt hat in seinem Schreiben, einem Ton, der Fauser so besonders macht und für den er auch von vielen angemessen angeschmeichelt wird, die heute im Namen des Pop schreiben: Der Mann ist das Werk, und was ihn antrieb in dieser Lust, zu produzieren und es der Welt zu zeigen, das war immer auch jener Literaturbetrieb mit seinen verzärtelten Mäuschen – die mit so viel weniger Risiko schrieben und ihn überlebt haben.

»Wie in Zuckerwatte«, so heißt es in Die Tournee einmal, »wattiertes Leben. Wenn sie sterben, merkt es keiner, nur der Regen.« Das Buch endet in der Mitte, so wie Fausers Leben. Wie er starb, ist nie geklärt worden. Vielleicht ist er betrunken vor das Auto gelaufen, vielleicht war es Absicht. Vielleicht auch steckt etwas anderes hinter seinem Tod, eine Geschichte, an der er gearbeitet hat, eine heiße Story, zu heiß – der Fahrer des Lkw, der Fauser totfuhr, starb vier Wochen später, die Akten zu dem Fall sind verschwunden, und wo ist der Mann, mit dem Fauser in der Nacht gesehen wurde?

Nur Jörg Fauser könnte so eine Geschichte aufschreiben.