Zuständig für Fragen des Gedenkens ist in Gardelegen ein Mann mit Namen Herbert Becker. Er ist promovierter Pädagoge und hat zu DDR-Zeiten Propagandafilme für den Staatsbürgerkundeunterricht erstellt. Heute leitet er das örtliche Museum und ist in dieser Funktion zugleich für die Gedenkstätte Isenschnibbe verantwortlich.

In acht Jahren brachte der Leiter des Museums zwei Entwürfe zustande

Seit acht Jahren ist Becker im Amt; in dieser Zeit hat er es fertiggebracht, immerhin zwei Entwürfe für eine Dauerausstellung vorzulegen. Der erste scheiterte im Jahr 2004 an dem wütenden Protest der Historiker und Opferverbände; der zweite hat Anfang dieser Woche die Stadt Gardelegen aus dem Verkehr gezogen. Es war das erste Mal, dass das Rathaus dem Treiben seines Gedenkstättenleiters Einhalt gebot.

Was treibt den Mann, die Zahl der Häftlinge in der Scheune auf »einige Hundert« zu reduzieren? Warum bleiben die Namen der Täter und die Zahl der Opfer im Ungefähren? »Unbekannte töteten eine unbestimmbare Zahl unbewachter Häftlinge.« Welchem Zweck dient, angesichts der in grauenvollen Einzelheiten beschriebenen Tat, eine Formulierung wie »Dann organisierten die Wachmannschaften die unmittelbare Ermordung der Häftlinge«? Und was ist von Beckers Begründung seiner Diskretion im Umgang mit den Tätern zu halten? Ihre Namen dürften nicht genannt werden, weil sie nie in rechtsstaatlichen Verfahren rechtskräftig verurteilt worden seien – eine Eigenschaft, die sie, beispielsweise, mit einem gewissen Adolf Hitler teilen.

»Absoluten Blödsinn« nennt das die stellvertretende Leiterin der Gedenkstättenstiftung des Landes, Ute Hoffmann. Bereits im vergangenen Jahr hatte sie Beckers komplette Entwürfe für »inhaltlich und methodisch-didaktisch nicht tragbar« befunden. Von »explizit und subtil revisionistischem Gedankengut« spricht ihr Kollege Jens-Christian Wagner, der Leiter der Gedenkstätte Mittelbau Dora. Ute Hoffmann leitet die Gedenkstätte für Opfer der NS-Euthanasie in Bernburg. Fünf Stunden lang, sagt sie, habe sie mit Becker diskutiert. Schließlich legte sie einen eigenen Entwurf vor – Becker ignoriert ihn.

Vergrault hat Becker nicht nur Wagner und weitere Kollegen, sondern auch den Häftlingsbeirat von Mittelbau Dora, Wissenschaftler aus Tel Aviv und der Berliner Humboldt Universität und den Zentralrat der Juden. Die Stadt Gardelegen ließ ihm freie Hand – bis zum Montag dieser Woche. Nun hofft Bürgermeister Fuchs, bei der Erstellung des nunmehr dritten Konzepts für die Gedenkstätte »möglichst viele« Zeitzeugen und Institutionen einbeziehen zu können. Doch wer soll das tun? Etwa der Gedenkstättenleiter?