So geht es beim Kampf unter Männchen meist um Reviere und den Zugang zu Weibchen. Denn die natürliche Selektion manifestiert sich durch den unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg der Individuen innerhalb einer Population – ein stärkeres Männchen zeugt mehr Nachkommen als der Rivale, den er vertrieben hat. Es gilt, möglichst viel eigenes Erbmaterial in den Genpool der nächsten Generation zu schleusen, also mehr Nachfahren zu produzieren als der Konkurrent. Nicht mehr, aber auch nicht weniger fördert die natürliche Selektion.

Dabei sind Artgenossen, zumindest bei sich sexuell fortpflanzenden Arten, erwünschte und notwendige Partner, aber mehr nicht. Es liegt nicht, aus menschlicher Warte gesprochen, im Sinne des Individuums und der Evolution, möglichst viele Artgenossen um sich zu haben. Bei Arten, die in Herden oder Schwärmen leben, kann das zwar für das Individuum von Vorteil sein. Allerdings sind Artgenossen, wegen ihrer identischen ökologischen Bedürfnisse, vor allem aber auch immer die schärfsten Konkurrenten um Nahrung, Nistplätze und Paarungspartner.

Wenn also von der Arterhaltung in der Evolution die Rede ist, so wird – meist unbewusst – von Selektionsebenen über denen des Individuums gesprochen. Selektion kann auch zwischen Gruppen und Arten vorkommen. Sie ist aber notwendigerweise immer indirekter, weniger stark und damit langsamer als jener Selektionsdruck, der am unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg des Individuums ansetzt.

Individuen- und Artselektion können manchmal in gegensätzliche Richtungen arbeiten, aber die natürliche Auslese auf der Ebene des Individuums ist immer stärker und schneller und wird sich immer gegen die Gruppenselektion durchsetzen. Was nicht von Vorteil für die individuelle Fitness ist, kann deshalb auch nicht der Arterhaltung dienen. Die natürliche Auslese sieht also das Individuum zuerst und dann erst – wenn überhaupt – die Art.

Irrtum 2: Anpassung ist das notwendige Ergebnis der Evolution

Anpassungen sind nicht Adaptationen zu aktuell herrschenden Umweltbedingungen, sondern die Summe der Anpassungen aller Vorfahren in den vorherigen Generationen. Folgende Annahme ist daher zu einfach gedacht: Wenn sich die Umgebung ändert, muss sich eine Art durch Veränderungen ihrer Individuen anpassen, weil sie ansonsten aussterben würde. Nützliche Mutationen ereignen sich nicht häufiger, nur weil eine neue Selektionsrichtung, beispielsweise ein verändertes Klima, sie bevorteilen würde. Nur wenn eine genetische Variation schon in einigen Individuen der Population vorhanden ist, wird auch eine Veränderung der Häufigkeit ihres Auftretens in der gesamten Art stattfinden können.

Auch wird nicht jede Umweltveränderung unweigerlich zur Verkleinerung der Populationsgröße führen. Der menschgemachte Klimawandel wird das Verbreitungsgebiet und damit die Populationen einiger Arten vergrößern – möglicherweise auf Kosten anderer Arten, aber vielleicht auch nicht. Verändert sich das "Selektionsregime", ändert sich üblicherweise lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass sich bestimmte Mutationen auf alle Individuen einer Population ausbreiten.

Eine veränderte Umwelt muss also nicht in veränderten Adaptationen resultieren. Andererseits können sehr wohl neue Anpassungen in einer völlig konstanten Umwelt auftreten, unter bestimmten Bedingungen sogar, wenn sie nicht vorteilhaft sind.

Irrtum 3: Evolution strebt nach Perfektion

Natürliche Selektion ist nicht gleich natürliche Perfektion. Schon Darwin war klar, dass die Evolution nicht nach Höherem strebt, ja nicht streben kann. Trotzdem behaupten Tierfilmer gerne, der Gepard sei "der perfekte Jäger" oder die Schwalbe "die optimale Fliegerin". Selektion wird lediglich dazu führen, dass aus der Auswahl der in einer bestimmten Generation zur Verfügung stehenden Genkombinationen eine bestimmte mehr Nachkommen in der nächsten Generation hinterlassen wird als andere: diejenige, die sich unter den herrschenden Selektionsbedingungen besonders bewährt, also fortpflanzt – wobei unter manchen Bedingungen der Zufall und Besonderheiten der Genetik der Merkmale eine größere Rolle spielen als die Auslese.