Die natürliche Selektion fördert egoistische Merkmale, die dem Individuum helfen, die eigenen Gene über die Nachfahren zu vermehren. Dies kann auch auf Kosten der Individuenzahl, die insgesamt eine Art ausmacht, geschehen. Dafür gibt es ungezählte Beispiele wie etwa den Infantizid. Hat ein neuer "Pascha" die Kontrolle über ein Rudel Löwenweibchen erkämpft, tötet er zunächst alle Löwenjungen, denn sie tragen nicht seine Gene. So erreicht das Männchen, dass alle Löwinnen gleichzeitig in den Östrus kommen; die neuen Jungen werden dann seine genetischen Nachkommen sein.

Oft viel schwerer hinsichtlich der natürlichen Selektion lässt sich kooperatives Verhalten erklären. Risikoreiches oder aufopferndes elterliches Verhalten leuchtet ein: Eltern riskieren das eigene Leben, um den Nachfahren und damit ihren Genen eine größere Überlebenschance zu geben. Diese Art von Kooperation innerhalb von Familien oder verwandten Sippen kann jedoch nicht zum Guten einer anderen Art funktionieren. Trotzdem verhalten sich viele Tiere scheinbar vorteilhaft für andere Arten: Bienen bestäuben Blüten, Vögel transportieren Samen über weite Strecken. Allerdings geht es dabei immer um gegenseitigen Vorteil – die Bienen bestäuben Blüten, aber leben auch vom Pollen der Pflanzen – oder um Manipulationen. Solche kleinen "Verführungstricks" der Natur kosten die eine Art wenig, bringen aber einer anderen große Vorteile. Zum Beispiel werden Insekten zur "Kopulation" mit Orchideenblüten verführt und bestäuben diese dabei. Die Orchidee hat einen großen Vorteil, und die Insekten zahlen nur einen kleinen Preis dafür, der offensichtlich nicht hoch genug war, dieses Verhalten abzulegen oder sie gar zum Aussterben zu bringen.

Ökologische Gemeinschaften, die aus mehreren, teils voneinander abhängigen Arten zusammengesetzt sind, scheinen oft in einer Art Gleichgewicht zu sein. Dies wird naturphilosophisch gerne als Harmoniebestreben der Natur interpretiert. Allerdings ist diese Harmonie nur Schein, denn der Räuber beschränkt sich nicht darauf, die Kranken und Schwachen zu töten, um seine Beutepopulation "gesund" zu halten. Vielmehr frisst er alle Beute, die er jagen kann. Dass es seltener die Gesunden oder Fortpflanzungsfähigen erwischt, hat mit deren höherer Wahrscheinlichkeit zu tun, dem Tod zu entgehen. Könnte er, würde der Räuber aber alle Beutetiere fressen – selbst wenn deren Ausrottung ihm letztendlich zum Nachteil gereichen würde. Ökosysteme streben nicht nach Harmonie und Balance.

Irrtum 6: Die Natur verhält sich gut, sie hat Moral

Genauso wenig wie man anderen natürlichen Phänomenen wie einem Tsunami oder einem Vulkanausbruch Gerechtigkeit oder Grausamkeit zuschreibt, treffen solche Begriffe auf die natürliche Selektion zu. Sie basiert allein auf Fortpflanzungsunterschieden zwischen Individuen einer Population. Daher ist die Natur weder moralisch noch unmoralisch. Sie strebt weder nach Schönheit noch nach Harmonie oder Stärke. Was "natürlich" ist, ist nicht notwendigerweise im philosophischen Sinne moralisch gut.

Dies trifft auch dann zu, wenn falsch verstandene evolutionäre Prinzipien als sogenannte sozialdarwinistische Extrapolation auf das menschliche Miteinander – besser: Gegeneinander – angewendet werden. Hier wird die natürliche Auslese überinterpretiert. Wir verlangen zu viel von ihr.

Sie ist zwar mächtig, aber dennoch lediglich ein blinder und planloser Prozess. Das wusste schon Darwin

Axel Meyer ist Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz