Der erste Eindruck wird sich schnell verflüchtigen und der Frage weichen, wie man so blind hat sein können. Denn der erste Eindruck ist ungläubiges Staunen. Was? Der?

Ein dunkelhaariger Schlaks mit Dreitagebart sitzt da, dunkler Anzug, oranges Hemd, kein Schlips. 35 Jahre ist er alt, würde aber auch für Ende 20 durchgehen. Wer keine Ahnung von Tübingen hat, der könnte beim ersten Anblick des Oberbürgermeisters Boris Palmer auf die Idee kommen, den Mann zu unterschätzen. In Tübingen dürfte es nicht mehr viele geben, denen das passiert.

»Boris ist ein Star«, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende. Er sagt es ohne Neid, so wie man Tatsachen feststellt. Seine Tochter ist 15, er kann beurteilen, wie der grüne Oberbürgermeister bei Jugendlichen ankommt. Und obwohl Palmer für ihn, den Konservativen, ein politischer Gegner sein müsste, spricht er über den OB im Tonfall des Lokalpatrioten, der eine örtliche Sehenswürdigkeit beschreibt. »Man wird mehr wahrgenommen«, sagt er. »Das ist ja auch ganz nett für die Stadt.«

Ein halbes Jahr ist Boris Palmer jetzt im Amt, Deutschlands vierter grüner OB. In dieser Zeit hat er der Stadt reichlich Schlagzeilen beschert: der Dienstwagen, das Gymnasium, zuletzt sein Umgang mit den Nazis. Am vergangenen Wochenende hat Palmer es fertiggebracht, einen Aufmarsch der NPD in ein antifaschistisches Volksfest zu verwandeln, mit Bläserkonzert, Straßenfußball und »Liegestuhl-Offensive« auf dem Holzmarkt. 10000 Tübinger feierten mit, während inmitten der Menge ein verlorenes Häuflein von 230 Jungnazis, von der Polizei bewacht und sonst von niemandem beachtet, das Ende des Tages herbeisehnte. So schön kann Kommunalpolitik sein.

Gewöhnlich sind die Nachrichten aus Deutschlands Städten trist. Sicher, die Steuereinnahmen erholen sich, nach dem Tiefpunkt vor drei Jahren infolge der rot-grünen Gewerbesteuerreform. Aber noch immer verwalten Stadträte den Mangel, verhängen Bezirksregierungen Haushaltssperren, veröden Einkaufszonen, sterben Stadtteile den langsamen Tod des demografischen Wandels.

In Tübingen ist alles anders. Das hat mit der geringen Arbeitslosigkeit zu tun, mit dem ausgeglichenen Haushalt, mit dem jüngsten Altersdurchschnitt aller deutschen Städte. 84000 Einwohner hat die Stadt, 15000 davon sind Studenten. Ein Heimspiel für einen grünen Kandidaten, so könnte man meinen. Aber es gehört mehr dazu, hier zu regieren, als eine jugendliche Erscheinung und ein grünes Parteibuch. Dass Tübingen anders ist, liegt auch an der Person des OB.

Bürgerversammlung in Unterjesingen, einem Vorort mit 2000 Einwohnern. Ein Neubaugebiet am Ortsrand war geplant, es fehlte nur noch die Unterschrift des OB. Sie hätte etliche aus dem Dorf reich gemacht. Aber Palmer unterschrieb nicht. Das Wuchern der Städte ins Umland ist eines seiner Themen. Er will die Baulücken im Ortskern schließen. Ein Skandal!

Nun ist die Unterjesinger Turnhalle zum Bersten voll. Häuselebauer mit Arbeit in der Stadt und vierschrötige Gestalten mit wettergegerbten Gesichtern drängen sich in den Stuhlreihen, die Arme vor der Brust gekreuzt. Der Ortsvorsteher trägt eine herzzerreißende Anklage über die Jahrzehnte währende Benachteiligung Unterjesingens vor und bekommt frenetischen Applaus. Es kann einem bange werden um den grünen OB.