Popstar wider Willen – Seite 1

Noch die ganze Woche über erteilt der Dalai Lama religiöse Belehrungen in Hamburg, während die große Begeisterungswelle bereits verebbt. Zurück bleibt nicht nur das Bild eines Popstars wider Willen, der freilich mit seiner Mischung aus Gelassenheit und Witz, eingängigen Worten und Kauzigkeit den eigenen Ruf festigt. Vielmehr wird auch das Mosaik eines geschickten und erfolgreichen Exiloberhaupts sichtbar.

Sein Hauptanliegen sei hier nicht Tibet, versichert er. Er wolle "menschliche Werte" verbreiten, damit der einzelne Zuhörer und die Gesellschaft insgesamt glücklicher würden. Doch er sagt auch: "Wenn ich auf Tibet angesprochen werde, ist es meine moralische Verpflichtung, die Lage zu erklären." Den "kulturellen Genozid". Die "schlimmen Bedingungen in den Gefängnissen". Das Leben als Minderheit in den tibetischen Städten. All das erwähnt er und macht dann schnell einen Scherz – etwa über die Chinesen, die zu ihm nach Indien kommen und sich wundern, dass die Tibeter ganz anders sind, als man sich erzählt. "Something like that", setzt er dann gern in hoher Stimmlage hinzu. Nie wirkt er wie ein Eiferer, das hilft.

" Are you lucky?", fragt ihn eine Journalistin, nachdem er sich im Hamburger Rathaus ins goldene Buch der Stadt eingetragen, China auf Nachfrage kurz kritisiert und Scherze gemacht hat – sind Sie ein Glückspilz? Sie meinte wohl "happy", aber der Dalai Lama bleibt bei der Frage. Na ja, sagt er, einen, der als junger Mann seiner Freiheit beraubt und aus der Heimat vertrieben wurde, könne man wohl kaum einen Glückspilz nennen. Und lacht, um die Situation zu entspannen.

1959 floh der Dalai Lama. Seither hat es China nicht vermocht, das Thema Tibet aus der Weltöffentlichkeit zu tilgen. Der Westen spricht es an, und sechs Runden lang haben Repräsentanten Pekings und der Tibeter kürzlich miteinander verhandelt. All das ist nicht zuletzt dem Mann mit der dicken Brille und den Latschen zu danken, den alle Welt kennt. Er lebt, was er predigt, und das macht ihn zum wirkungsvollen Exilvertreter Tibets. Er macht schlichte Scherze wie den, der nächste Dalai Lama könne eine Frau sein, aber bitte ein hübsche, wegen der Aufmerksamkeit. Aber er verlässt nie seine Linie der Gewaltfreiheit und des Mitgefühls, die er für das Zentrum des Buddhismus hält. Er zeigt Verständnis und auch Achtung für hungerstreikende Landsleute. Doch dass sie zum Selbstmord bereit sind, lehnt er als Gewalttat ab. Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass China zur Einsicht kommt. Und falls er noch einmal in seine Heimat darf, so sagt er, "will ich etwas tun, damit die Tibeter und die Chinesen Freundschaften entwickeln". Manche Tibeter hielten ihn wegen seiner freundlichen Haltung für zu weich, sagt er – und lacht besonders lange.

Der bekannteste Mönch der Welt ist resolut auf seine Art. So kann er den 14000 Menschen in der Arena am Rothenbaum sagen, dass er George W. Bush richtig gern hat. Und so ist er ehrlich, als er gefragt wird, ob die Welt besser werden würde, wenn ihre politischen Führer durch kontemplatives Training zur Einsicht kämen. "Wie das denn?", sagt er lachend. Bush, Putin, Brown und so weiter? "Niemand kann das schaffen." Unmöglich. Sie seien geprägt von einer bestimmten Ära. In die Schulen müsse man gehen, ja schon in die Kindergärten, und die Bedeutung der menschlichen Werte vermitteln. Das sei ein Langfristprojekt.

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Der Dalai Lama trennt zwischen seinen Predigten und seiner weltlichen Funktion. Doch er ist ein Buddhist, der mit seiner Botschaft ankommt. Und ein Volksvertreter, der seiner spirituellen Überzeugung treu zu bleiben versucht. Beide Seiten verstärken sich gegenseitig. Ob er damit bei den Chinesen zum Ziel kommt, ist ungewiss. Er freut sich über das Interesse junger Chinesen am tibetischen Buddhismus, aus der eine andere Haltung gegenüber Tibet erwachsen könne. Er hat auch die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking begrüßt – daraus kann sich ja eine Öffnung ergeben. Mit einem Wort: Er bleibt optimistisch.

Vielleicht sei er der letzte Dalai Lama, sagt er mehrmals. Das sollten die Tibeter entscheiden. Wenn er jetzt stürbe, würden sie wohl einen neuen wollen. Aber wenn er noch zwanzig Jahre lebe und sich die Verhältnisse in der Heimat normalisierten, dann wollten sie vielleicht keinen mehr. Das sei in Ordnung. "Dann ist es mit der Institution des Dalai Lama vorbei", sagt er. "Ich bin der 14. und sicher nicht der beste, aber auch nicht der schlechteste. Dieser Dalai Lama ist sogar recht beliebt. Wenn es so endet, dann mit einer gewissen Würde."