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Ein bisschen Wehmut ist auch dabei. Und natürlich die bange Frage, ob man nach dieser siebten Harry Potter- Lektüre enttäuscht sein und das Gefühl haben wird, im Nachhinein sehe die Zauberwelt der J.K. Rowling doch recht glanzlos aus. Ist es wirklich eine so wunderbar geschlossen erzählte Welt, wie es bisher den Anschein hatte, und hat im Rückblick auf die vorigen Bände wirklich alles logisch zueinandergepasst?

Wer Band sieben gelesen hat, für den scheint der Boden des Zauberkessels erreicht, der Harry Potter- Trunk gänzlich ausgeschöpft. "Alle Geheimnisse, die ich so lange mit mir herumgetragen habe, werden nun auch eure sein", soll J.K. Rowling gesagt haben, und genau das ist es ja, was so wehmütig macht: Harry Potter and the Deathly Hallows ist das Ende aller Geheimnisse, so wie es das Ende von Harrys Kindheit ist. In sechs früheren Bänden hat Rowling Rätsel ausgestreut und falsche Fährten gelegt, aus einer kleinen Ratte einen Bösewicht gemacht und aus einem Halbriesen einen der gutmütigsten Kerle der Welt. Sechs Jahre lang, oder wenigstens die vergangenen drei oder vier, wurden erwachsene Muggel einmal jährlich in den Abendnachrichten über das Erscheinen eines Jugendbuchs informiert; sahen wir in der Tagesschau verkleidete Hexen und Zauberer auftreten; schleppte man ein Buch heim, von dem man sicher sein konnte, dass es Tausende, Zehntausende in ebendiesem Augenblick mit derselben Spannung lasen.

Sechs Mal waren wir schon froh, aus dem bedrückenden Einfamilienhaus der Familie Dursley nach Hogwarts entrinnen zu können, wo schwebende Kerzen und Krüge voll Kürbissaft jedes Abendessen begleiteten und sich das Büro des sympathisch anarchischen Direktors öffnete, wenn man nur die richtige Süßigkeit nannte. Und hier wartet Band sieben mit einer kleinen Enttäuschung auf: An die Zauberschule Hogwarts, auf die wir uns schon so sehr gefreut hatten, kehren Harry, Ron und Hermine nach diesen Sommerferien nicht zurück. Denn Hogwarts wurde von Snape und das Zaubereiministerium von Voldemorts Anhängern übernommen. Auf allen Plakatwänden prangt Harrys Fahndungsbild. Es gibt keinen sicheren Ort für Muggelstämmige mehr, sie werden behördlich registriert und drangsaliert, manch mutige "Reinblütige" erwägen schon, ihre verfolgten Nachbarn zu verstecken – noch deutlicher kann Fantasy auf die Anfänge der Nazizeit kaum anspielen.

Wie sich der Leser des sechsten Bandes erinnern wird, hat Dumbeldore Harry, Ron und Hermine einen klaren Auftrag sowie höchst nebulöse Hinweise hinterlassen, die verbliebenen Horkruxe aufzustöbern. Und damit hat sich gleichzeitig Rowling für den Abschluss der Potter- Serie dieselben erzählerischen Schwierigkeiten aufgebürdet, an denen schon mancher Computerspieledesigner verzweifelt ist: Wie schickt man seinen Helden auf der Suche nach mehreren Gegenständen sinnvoll und spannend durch Raum und Zeit? So viele inhaltliche Rätsel kann sich eine Autorin nämlich gar nicht ausdenken, um den Verlauf dieser Suche gänzlich vor Beliebigkeit zu schützen. Es bleibt eine Nadel im Heuhaufen, auch wenn es das Schwert Gryffindors oder Hufflepuffs goldene Tasse ist.

Rowlings Trio gerät daher bisweilen ganz schön ins Schwimmen; allem englischen Regen zum Trotz campiert es in einem Zelt in der Wildnis statt im gemütlichen Schlafsaal des Hauses Gryffindor. Immer auf der Flucht, für den Rest der Welt unaufspürbar, appariert ("zaubertransportiert") man sich stattdessen durch Wald und Moore, Küste, Countryside. Wie aber entscheiden, wohin es als Nächstes geht? Die gesuchten Horkruxe könnten schließlich überall sein, in Albaniens dunklen Wäldern sogar Doch zufällig können die drei einmal das aufschlussreiche Gespräch einiger Kobolde belauschen, damit ist der nächste Ortswechsel geklärt.

Dieser brachiale Verstoß gegen die goldenen Regeln des Kriminal- und Spannungsromans – entscheidende Hinweise dürfen niemals dem Zufall überlassen werden! –, verrät, wie schwer es Rowling fällt, sich aus der selbst gewählten engen Gasse der Horkrux-Suche wieder ins Freie zu fabulieren. Und auch die Zeit, die im geselligen Hogwarts so schön durch die Höhe(oder Tief)punkte Prüfungen, Weihnachtsferien und Quidditch-Wettbewerbe strukturiert war, will beim Camping einfach nicht vernünftig vergehen. Plötzlich ist Weihnachten, das merkt Harry daran, dass er – wiederum zufällig! – durch das Fenster einer Dorfkirche lugt; und später ist März. Die drei Monate dazwischen überbrückt die Autorin offensiv mit dem Satz "Aber erst im März gelang es ihnen…"

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Souverän immerhin, dass sie nicht versucht, auch noch für Januar und Februar künstliche Meilensteine zu setzen! Und überhaupt muss man ihr, die eine im besten Sinne routinierte und raffinierte Erzählerin ist, Anerkennung dafür zollen, dass diese geografisch so unmotivierte Flucht und Suche trotzdem so spannend sind. Es passiert ja nicht viel. Ron und Hermine tun sich schwer damit, einander ihre Zuneigung offenzulegen. Mal streitet man sich. Dann schlägt man das Zelt wieder woanders auf.

Dennoch begleiten den Leser dunkle Vorahnungen und Gänsehaut. Woran das wohl liegen mag? In diesem siebten Band fiebert der Leser aus einem besonderen Interesse mit: Jetzt wollen wir’s wissen! In ihrem letzten Teil der Potter- Reihe, darauf kann sich Rowling verlassen, darf sie getrost auf weitere Geschmacksrichtungen verzauberter Jelly Beans verzichten; zu Weihnachten muss es keinen Strickpulli von Mrs. Weasley geben, und ohne Quidditch geht es notfalls auch. Der letzte Band muss schlicht und einfach daran gemessen werden, ob insgesamt alles funktioniert. Ob die Logik der Potter-Welt keine Risse bekommt. Ob im Nachhinein alle Täuschungsmanöver der ersten Bände geklärt werden können. Ob sich für keine der ambivalenten Figuren Widersprüche ergeben haben. Und allen voran: Was ist mit Snape?

Von Harry verabscheut, scheint er Harry gleichfalls zu hassen; ihn dennoch zu schützen und später zu verraten, während er am Ende des sechsten Bandes gar zu Dumbeldores Mörder wird. Wer wissen möchte, welches Schicksal Snape in Band sieben ereilt, lege bitte einen Spiegel am Rand dieses Textes an…alle anderen mögen sich freundlicherweise einen Absatz nach unten apparieren (in diesen Sommerferien ist Zauberei ausnahmsweise erlaubt).

Ja, Rowlings Zauber ist ungebrochen. Snapes unzählige Täuschungsmanöver sind nun zufriedenstellend aufgeklärt; alle sonstigen Zweifel, die man aus früheren Büchern in die Lektüre des letzten mitgenommen hat, aus dem Weg geräumt. Was Widerspruch schien, war Täuschung, die die Schöpferin des Potter- Universums im letzten Band mit großer Eleganz und Plausibilität enthüllt. Umgekehrt verblüfft die Anzahl der vermeintlichen falschen Fährten, die gar keine waren; die Riege der Randfiguren, an denen die Potter-Gemeinde geheime Verdachtsmomente glaubte ausmachen zu können und die sich jetzt als exakt die Randfiguren herausstellen, die sie immer zu sein schienen. Ist Rowling also in sieben Bänden kein einziger Fehler unterlaufen?

Zahllose eifrige Leser haben sich in Harry Potter- Büchern auf die Suche gemacht und trotzdem meist nur Sandkörnchen gefunden (siehe zum Beispiel www.mugglenet.com). Dass ein Anstecker einmal als silbern und einmal als rotgolden beschrieben wurde, ist nichts im Vergleich zu den Aussetzern anderer Schriftsteller, bei denen schlimmstenfalls ein Mord mit einem Strick begangen wurde und anhand des Beweismittels Pistole, im rechten Moment vom Kommissar aus des Mörders Schublade gezogen, nachgewiesen werden konnte… Unklug war es allerdings sicher, Hermine im dritten Band um den Gefangenen von Askaban eine Zeitumkehrer-Uhr in die Hand zu drücken. Lässt man so ein Gerät danach nicht schnell von einem Zentauren zertreten, macht es jeder chronologischen Erzählung den Garaus: Wenn es zur Rettung eines Seidenschnabel eingesetzt werden kann, warum dann nicht zu der eines Sirius Black oder Cedric Diggory?

Aber darin ist J.K.Rowling nun einmal Meisterin: genau den Zentauren aus dem Hut zaubern, der jedes problematische Utensil wunschgemäß und vor allem plausibel in den Zustand magischer Unreparierbarkeit versetzen kann. Der Stoff, aus dem die Potter- Welt besteht, ist nämlich nicht nur fantasievoll gewebt, sondern auch sorgfältig gesäumt. Warum die Magie nicht aus der zauberischen in die Muggel-Welt schwappt, warum selbst ein Dumbeldore sich nicht alles so zurechtzaubern kann, wie es ihm gefällt, das muss begründet werden. Nicht jedes einzelne Mal, doch exemplarisch. Und so findet man in jedem Band kleine Manöver, mit denen Rowling an diesem Saum näht und die Plausibilität des Ganzen sichert. In Deathly Hallows taucht beispielsweise die nahe liegende Frage auf, warum sich Harry keinen Proviant ins bereits erwähnte Zelt zaubern kann. Doch Hermine weiß: "Nahrung ist die erste der fünf Grundsätzlichen Ausnahmen vom Gampschen Gesetz der Elementaren Transfiguration." And that’s that.

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Dass ein Kleidungsstück einen Saum hat, heißt nicht, dass es unzerstörbar ist. Man kann jedes Abendkleid zerreißen, wenn man es zwischen zwei Traktoren spannt. Wenn es aber nicht nur einen, sondern sieben grandiose Bälle ohne jegliche Zeichen von Abnutzung übersteht, darf man wohl urteilen, dass es sich um ein qualitativ sehr hochwertiges Kleid handelt! Von Enttäuschung kann deswegen keine Rede sein. Hier geht so ziemlich alles auf. Und vielleicht lässt sich ja doch noch darüber verhandeln, dass mit Band sieben Schluss sein soll. Schließlich gibt es sogar bei King’s Cross nicht nur die Gleise 9 und 10, sondern 9¾, für gewöhnliche Augen unsichtbar…

Auf diesem Gleis stehen Harry und seine Freunde am Ende des Buches, sind längst erwachsen, haben selbst Kinder, die ihre Karten für den Hogwarts-Express in den Händen halten. Und da tauchen sie plötzlich auf, die Fragen, die Band sieben nicht beantworten will: Wer ist inzwischen Auror geworden, wer hat die Prüfungen nicht geschafft? Wie haben Harry und die Seinen überhaupt ihren UTZ(Unheimlich-Toller-Zauberer)-Abschluss bestanden, wenn sie das ganze siebte Schuljahr in einem Zelt unterwegs waren? Und wenn sie das Schuljahr wiederholen mussten – wäre das nicht Material für Band acht oder 7¼?

Dass sie die Serie nicht fortsetzen werde, hat Rowling vorsichtig verlautbaren lassen, bedeute nicht zwangsläufig, dass sie sich nie mehr in die Zaubererwelt begeben werde…Und noch mehr Futter, für noch weitere Spekulationen! Jetzt aber will erst einmal Band sieben ausgekostet werden. Um Dumbeldore zu zitieren, wenn es das Jahresanfangsdinner zu eröffnen galt: "Willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts! Bevor wir mit unserem Bankett beginnen, möchte ich ein paar Worte sagen. Und hier sind sie: Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quiek!" Manchmal fasste er sich sogar noch kürzer: "Haut rein!"

Am 27. Oktober erscheint der siebte Band auf Deutsch unter dem Titel "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" im Carlsen Verlag, Hamburg