Die Krebstherapie sei für sie ein guter Deal gewesen, sagt Carolin Fischer. Gewiss, sie hat zwei Schuljahre versäumt, noch heute ist sie schneller erschöpft als früher, womöglich wird sie niemals Kinder bekommen können. Doch ohne die Rosskur vor fünf Jahren wäre die 18-Jährige vermutlich tot. "Meine Mutter sagt, ich habe einen Dickkopf. Ich sage: Ich hab einen starken Willen", sagt sie. Damals im Krankenhaus, als es ihr so schlecht ging, erzählt sie, habe sie sich mit einer Mitpatientin Pizza auf die Station bestellt und die Ärzte mit der Wasserpistole beschossen. Mit seelischer Kampfkraft trat sie gegen die Krankheit an.

Es war um Ostern 2002 – Carolin war fast zu schlapp, um sich die paar Hundert Meter zum Hausarzt zu schleppen –, als man bei ihr eine akute lymphoblastische Leukämie (ALL) diagnostizierte, die häufigste Blutkrebsart bei Kindern. Sie wurde in aller Eile in die Uni-Klinik in Erlangen gebracht. Heute könne sie sich als geheilt betrachten, sagt der dortige Kinderonkologe Thorsten Langer. Denn fünf, spätestens acht Jahre nach einer effektiven Therapie sei die Wahrscheinlichkeit nahezu gleich null, dass der Blutkrebs noch einmal zurückkehre.

Längst sind solche Heilerfolge in der Krebsmedizin nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Während in den fünfziger Jahren kaum eines von zehn krebskranken Kindern durchkam, liegen die Heilungschancen inzwischen dank intensiver Therapie bei rund 75 Prozent. Aber genau dies hat ein neues Problem heraufbeschworen: Wie, so die Sorge der Pädiater, wirken sich die oft harschen Behandlungen nach fünf, zehn oder 25 Jahren aus? Bereits jetzt gibt es in Deutschland schätzungsweise 30000 Langzeitüberlebende kindlicher Krebserkrankungen, und jedes Jahr kommen etwa 1200 hinzu. Doch mit welchen Therapiefolgen sie rechnen müssen, darüber wussten Mediziner bislang nur wenig.

Ein Nachsorgenetzwerk soll alle Nebenwirkungen erfassen

Erst vor neun Monaten brachte eine Studie den Ärzten in aller Welt das Problem schlagartig zu Bewusstsein. Im angesehenen New England Journal of Medicine berichteten der New Yorker Krebsspezialist Kevin Oeffinger und seine Kollegen über die Langzeitfolgen der Therapien – bei Erwachsenen, die als Kinder in den siebziger und achtziger Jahren wegen Krebs behandelt worden waren. Das alarmierende Resultat: Sie waren zwar von Krebs geheilt worden, doch lag ihr Risiko, an einer schweren oder sogar lebensgefährlichen Krankheit wie Nierenschwäche, Schlaganfall oder Herzversagen zu leiden, achtfach höher als bei ihren nicht betroffenen Geschwistern. Die Tumortherapie erweise sich nun als "zweischneidiges Schwert", kommentierte der US-Pädiater und Medizinethiker Philip Rosoff die Studie. Wie hoch ist der Preis für den Sieg über den Krebs?

"Es hat einen Bewusstseinswandel unter Medizinern gegeben", sagt Carolins Arzt Thorsten Langer. Inzwischen beteiligen sich rund 250 Kliniken und 60 Pädiaterpraxen in Deutschland, Österreich und der Schweiz an einem international einzigartigen, von Langer und Kollegen in den vergangenen Jahren aufgebauten Nachsorgenetzwerk, dem Late Effects Surveillance System. Hier werden fortlaufend alle Nebenwirkungen erfasst, die bei Leukämien, Hirntumoren und sogenannten Sarkomen auftreten. Weitere Tumorarten wolle man demnächst in die Nachsorgestudie einbeziehen, sagt Langer. Außerdem werden in einem eigenen Register an der Universität Münster die Risiken der verschiedenen Bestrahlungstherapien im Kindesalter ausgewertet. Die Daten sollen helfen, besonders folgenreiche Behandlungsverfahren zu identifizieren – und möglichst durch schonendere zu ersetzen.