Am Buffet gibt es Lamm, Kilkenny-Bier und Lachs, eine Band namens Celtic Chakra spielt gälische Lieder. Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch gibt ein Gartenfest, auf dem sich Literaten, Verlagsleute und bundesweit bekannte Lokalgrößen eingefunden haben: Frank Plasberg, Manuel Andrack, Alice Schwarzer. Der Anlass: Das Irische Tagebuch des Hausautors Heinrich Böll wird 50 Jahre alt. Und so hält Irlands Botschafter eine Rede, preist "einen Meilenstein in den kulturellen Beziehungen zwischen unseren Ländern". Dann wird das Kapitel "Betrachtungen über den Irischen Regen" vorgelesen, es nieselt auch tatsächlich, und einer der Gäste flüstert: "Das hat er ja wirklich sehr schön beschrieben damals, der Böll."

Der steht daneben, ein illustrierter Pappkamerad im wehenden Trenchcoat. Die buschigen Brauen, die Knollennase, die tiefen Melancholiefurchen in den Wangen und im Mundwinkel die ewige Zigarette: Unwillkürlich wird einem bewusst, wie lange man sein Bild nicht gesehen, die leise, heisere Stimme nicht gehört hat. Wie sehr der Nobelpreisträger aus den öffentlichen Debatten verschwunden ist.

Auch das, was verschwindet, kann Aufschluss geben. Das Verdrängte, Abgelegte, Aussortierte einer Gesellschaft. Wer sich heute an Böll erinnert, dem fällt zuerst Spott ein: der Mann mit der Baskenmütze. Der Gutmensch aus Köln, der ewige Demonstrant, immer kämpfend: gegen die CDU, die Bild -Zeitung, das Wettrüsten. Diesem Böll noch ernsthaft zu huldigen erschiene leicht so gestrig wie der Schriftsteller selbst.

Böll, der im Dezember dieses Jahres 90 Jahre alt geworden wäre, ist aus dem Bewusstsein der Deutschen gerückt. Dabei findet, wer einen Blick in Bölls Texte wirft, wer seine politischen Statements heute liest, im Vergangenen gegenwärtige Diskussionen: die RAF; das Gerechtigkeitsproblem; den Umweltschutz; die Medienkritik; das Ringen mit der Religion. Erleben wir derzeit die Wiederaufnahme bereits erloschener Debatten, so hat sie Böll einst mitinitiiert. Warum also scheint Böll so weit weg? Kein Zitat ist mehr präsent, kein Fernsehauftritt in Erinnerung, keine Rede mehr gegenwärtig. Und die Romane und Erzählungen? Auch sie sind so gut wie vergessen. Schulstoff zwar, aber letztlich scheint man sich mit Robert Gernhardt einig, der dichtete: "Der Böll war als Typ wirklich Klasse. / Da stimmten Gesinnung und Kasse. / Er wär’ überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane."

Der Spott. Fast schon eine eigene Gattung, der Böll-Spott, der sich nach dem Tod des Schriftstellers im Juli 1985 ausbreitete. Das Satiremagazin Titanic druckte 1991 eine fiktive Anzeige. Man pries Böll-Stoff an, "das Bier, das Sie betroffen macht". Und der Schriftsteller Eckhard Henscheid verfasste einen bösen kleinen Böll-Artikel, den die Gerichte mit dem Verdikt der "Schmähkritik" versahen und dessen weitere Verbreitung sie untersagten.

Kaum ein Schriftsteller wurde hämischer verlacht als Böll – kaum jemand war zuvor hymnischer gefeiert worden. Doch auch die Nachrufe, die gut gemeinten, waren gleichsam ein Abgesang. Einförmig pathetisch heißt es in den Archiven, Böll sei "ein Anwalt der Schwachen" gewesen, ein "ehrenwerter Mann", "das Gewissen der Nation".

Inzwischen ist selbst der Böll-Spott abgeklungen, wie ein angefaultes Klischee. Der Schriftsteller ist unsichtbar, verborgen unter dem Schutt ferner deutscher Erregungen. Unattraktiv geworden für eine ganze Schriftstellergeneration: Sie habe, sagt etwa die 1974 geborene Schriftstellerin Juli Zeh, noch "nie-nie-nie mit einem Autorenkollegen, einem Lektor oder auch nur einem literarisch interessierten Freund über Böll gesprochen – es ist schon fast tragisch". Maxim Biller, einer der wenigen begeisterten Böll-Leser unter den zeitgenössischen Schriftstellern, sagt, er warte "seit Jahrzehnten darauf, jemanden zu finden, der auch Böll liest und mit mir darüber spricht".

Wer war er überhaupt, dieser Verschollene? Ein Kind des Krieges, ein Soldat, mit 22 Jahren eingezogen. Seine Familie hasst die Nazis, doch "ein Widerständler" ist er nicht. In den Kriegsbriefen schreibt er, dass "wir den Krieg gewinnen" und "gewinnen müssen". Erst an der Ostfront, an die er versetzt wird, erkennt er das Ausmaß des Grauens. Mehrmals wird Böll verletzt. Er desertiert, schleppt sich, mit einem gefälschten Entlassungsschein ausgestattet, in den Westen. Nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft lässt er sich mit seiner Frau in Köln nieder, seiner völlig zerbombten Stadt. Dort beginnt Böll Literatur zu schreiben, regelrecht besessen. Er füllt Blatt um Blatt, Erzählungen, Romane, als gelte es, den Krieg zu bannen, ihn sich vom Leib zu schreiben und den Erfolg herbei. Er notiert: "In zwei Tagen habe ich fünfzig Seiten hingewichst." Texte, die zunächst kein Verlag drucken will: "…keine Sau will etwas vom Krieg lesen oder hören, und ohne jedes Echo arbeiten, das macht dich verrückt".