Film school in a box, so hat Firmenchef Peter Becker die amerikanische DVD-Firma The Criterion Collection einmal bezeichnet. Für Filmliebhaber ist sie zu einer Kinoschule im Wohnzimmer geworden. Das über 400 Titel umfassende Programm mit Werken von Ozu über Melville bis Bergman, von Godard über Cronenberg bis John Woo ist eine Art Kanon für Cineasten, die sich mit der teilweise haarsträubenden Qualität herkömmlicher DVD-Veröffentlichungen nicht zufrieden geben wollen. Im Laufe der Jahre hat sich dieses Label eine kleine Gemeinde internationaler DVD-Fetischisten herangezüchtet, die jede angekündigte Veröffentlichung mit Internet-Gerüchten anheizt. Welche Fassung in welcher Länge und mit welchen Extras wird es sein? Welcher Filmkritiker darf den Audiokommentar einsprechen? Wie wird das Cover-Design aussehen?

Tatsächlich beginnt die Emphase bereits bei der Verpackung. So erscheinen japanische Filme in wunderschönen Box-Sets, deren Gestaltung die Ästhetik der Filme aufgreift. Kenji Mizoguchis Sansho The Bailiff enthält auch ein Buch mit Ogai Moris gleichnamiger Erzählung und filmhistorischen Essays. Im Bonusmaterial berichten ehemalige Mitarbeiter wie Regieassistent Tokuzo Tanaka ausführlich über die Entstehung des Films, ohne von sinnlosen Making-of-Sequenzen unterbrochen zu werden. Auch Werbematerial und endlose Trailershows sucht man auf Criterion-DVDs vergeblich. Diese Genauigkeit ist längst zum Erkennungsmerkmal geworden. Für jede Veröffentlichung wühlen sich Mitarbeiter in aufwendiger Recherchearbeit durch die Filmarchive, um nie gezeigte Szenen und Archivmaterial ausfindig zu machen. Die Bonus-DVD zu Jean-Pierre Melvilles Army Of Shadows zeigt beispielsweise einen Kurzfilm des Regisseurs aus dem Jahr 1944, der während der Besatzung an der Front gedreht wurde. Für Akira Kurosawas Kagemusha wurden seltene TV-Werbespots der Whiskey-Marke Santori aufgetrieben, in denen der Meister höchstpersönlich auftritt und sich sogar am Set filmen ließ.

Wie kostbare Bücher zieren Criterion-DVDs ganze Regale von Sammlern, die mit fast schon erotischer Hingabe einzelne Ausgaben diskutieren.

So viel Liebhaberei hat natürlich ihren Preis: Zwischen 30 und 50 Dollar kostet eine DVD, für vergriffene Hitchcock-Ausgaben oder die Erstauflage von Paul Morrisseys Blood for Dracula zahlen Sammler durchaus das Doppelte. Kein Wunder, dass Regisseure wie Jim Jarmusch, Wes Anderson und Spike Lee ihre Filme exklusiv zur Veröffentlichung bei Criterion freigeben.

Mit Criterion-DVDs verhält es sich eben wie mit Plattensammlungen.

Während herkömmliche Filme nach dem Gebrauch zumeist im Regal verschwinden, möchte man die Criterion Collection immer wieder hervorholen. So verbringt man Stunden damit, auf dem Wohnzimmerfußboden einen Bastelbogen des U-Boots Belafonte aus Wes Andersons Die Tiefseetaucher zu bewundern. Oder die DVD-Hüllen in Form von Antoine Doinels Pullover aus Sie küssten und sie schlugen ihn neu zu sortieren. Oder sich freudig auszumalen, welche Gimmicks wohl Pasolinis Salò enthalten wird.

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