Das Gespräch mit ihm findet im Café des Berliner Literaturhauses statt – mit Blick auf das Lumas-Geschäft genau vis-à-vis. "Einmal war ich da drin", sagt Wiegand, "und bin rückwärts wieder raus. Ich kann nicht verstehen, warum darauf Lobeshymnen geschrieben werden. Die Theorie lautet ja, dass junge Leute dort preiswerte Fotos kaufen und so Geschmack am ernsthaften Sammeln finden. Aber ich glaube es nicht."

Derweil verkauft Lumas pro Monat rund 2500 Prints und eröffnet einen Laden nach dem andern: in Deutschland schon acht, bald zwei in New York und bald auch einen in Zürich – dabei gibt es Lumas erst seit Ende 2004. Der Bluff bei Lumas sei, sagt Wiegand, dass diese Fotos präsentiert würden, als wären sie rar und kostbar. "Aber das sind sie nicht und darum auch nicht wiederverkäuflich." Eine Lumas-Sprecherin hält dagegen, dass es im Internet schon Tauschbörsen für Lumas-Prints gebe und es ein solcher der jungen Fotografin Stefanie Schneider – ein Star von Lumas – auf eine Londoner Auktion geschafft und dort seinen Preis vervierfacht habe. Ein Einzelfall allerdings.

Das Sammeln alter Fotos gehe zurück, sagt Wiegand, der Markt werde beherrscht von Gegenwartsfotografie. "Der Geschmack ist plakativer geworden. Wenn Sie heute in eine Fotobuchhandlung gehen – oft nur noch nackte Frauen und Grand Canyon." Es sei der Wunschtraum der Fotohändler gewesen, dass endlich einmal die großen Kunstsammler anfingen, Fotos zu kaufen. "Das wurde wahr. Als die Fotografen anfingen, konzeptionell zu werden, vor etwa 20 Jahren." Der Name Becher fällt. Gursky. "Den kann ich mir nicht leisten", sagt Wiegand, "aber ich kann die hohen Preise verstehen. Gursky ist wirklich genial. Und im Übrigen war der Kunstbetrieb zu allen Zeiten verrückt."

Das Gespräch endet in einem leidenschaftlichen Epilog des 70-jährigen Sammlers der alten Schule. "Beim Sammeln ist Leidenschaft im Spiel, ohne sie geht es nicht, und wo Leidenschaft ist, ist der Abgrund nahe." Sich zu übernehmen, zu ruinieren, betrogen zu werden, wie es sogar namhaften Sammlern passiert sei. "Wer sagt, mein Haus ist voll, mehr Kunst passt nicht rein, ist kein Sammler. Wer sagt, er habe kein Geld dafür, ist kein Sammler. Wenn meine Frau und ich ein Bild unbedingt wollten und es nicht bezahlen konnten, dann haben wir es eben abgezahlt, ein Jahr lang in Raten."

Das wäre für den 30 Jahre jüngeren Michael Michalsky vermutlich eine abschreckende Vorstellung. Auch er sammelt Fotografie, seit etwa zehn Jahren. Als junger Chefdesigner schuf er der alteingesessenen fränkischen Turnschuhmarke adidas erfolgreich einen modern-globalen Neuauftritt. Dann ist er nach Berlin gegangen, um dort auf eigene Rechnung und im eigenen Namen Mode zu entwerfen.

Was er über seine Anfänge als Sammler sagt, trifft sicher auf viele Neue auf diesem Parkett zu. Es ist nicht so glatt. Bei Malerei ist der finanzielle und ästhetische Einsatz höher. Bei Fotografie kann nicht so viel schiefgehen, selbst wenn man unerfahren ist und mal danebengreift. "Man kann für relativ kleine Summen schon viel Freude haben." Die weite und irgendwie rohe Michalsky-Etage liegt in einem erst halb belegten Büroquartier an der Leipziger Straße in Berlin-Mitte, wo sonst. Ein paar bunte Schuhe stehen da, ein paar Kleiderstangen. Viel Raum, viel Licht. Er sei anfangs ein bisschen verschreckt gewesen von den Galerien, "damals war ich ja noch in Nürnberg".

"Angefangen habe ich, als artnet ins Netz ging. Dann habe ich die Auktionshäuser entdeckt. Sotheby’s. Dann, dass es auch noch Grisebach gibt und Lempertz. Und dann habe ich mein erstes Foto gekauft. Horst P. Horst." Er kaufe gern bei Auktionen. "Eine Summe festsetzen und sehen, ob man’s kriegt. 2000 Euro oder 5000, mehr nicht. Ich kaufe immer aus dem Bauch heraus. Mode. Skurrile Sachen. Homoerotics. Und nicht für die Schublade, ich hänge alles auf."

Das teuerste Foto bei einer deutschen Auktion: Der Marlboro Man

Er nennt Namen aus seiner Sammlung. Yva, die berühmte Modefotografin der dreißiger Jahre, bei der Helmut Newton lernte. Helmar Lerski mit seinen expressiven Porträts. Thomas Ruff. F. C. Gundlach. Und Leni Riefenstahl, ihre Olympiafotos. "Die Ästhetik ist super, aber die Riefenstahl kann man nicht in einen Raum mit Yva hängen. Das kann man Yva nicht antun." Die jüdische Fotografin blieb in Berlin und kam – wann, weiß man nicht sicher – im KZ um.

Nicht ein Bild habe er je als Investition gekauft, sagt Michalsky. Das schließt Wertsteigerungen nicht aus. Die Riefenstahl-Fotos habe er für 8000 Mark gekauft, derzeit seien sie 26000 Euro wert. "Ich bin ein Popkultur-Kind", schließt er, "ein Videokonsum-Kind der achtziger Jahre. Was zu konzeptionell ist, zu intellektuell, was man nur begreift mit einem Kunstprofessor an seiner Seite, das interessiert mich nicht." Sein Traum, das wäre eine Ausstellung "Mode und Fotografie". "Da würden viele aus dem Hardcore-Kunstbetrieb sagen: eine Kirmesveranstaltung!"

Er lächelt. Das würde ihm gefallen.

So wie es dem siegreichen Bieter bei der Maiauktion der Berliner Villa Grisebach gefallen hat, in einem Zweikampf den Preis eines Fotos, mit dem niemand ernsthaft gerechnet hatte, so lange hochzutreiben, bis ein neuer Rekord erreicht war: 81000 Euro, mit Aufgeld et cetera über 100000 Euro – das teuerste bei einer deutschen Auktion verkaufte Foto. Es ist von Dieter Blum und heißt Rauchender Mann. Zyklus Tasting Freedom. Es war eine Ikone eigener Art: der Marlboro Man. Der Sieger, ein Mann aus dem Hessischen, ging in den Tag hinaus, als habe er sich einen Traum erfüllt. Und still gelächelt hat er auch.

Vielleicht geht es der Fotografie ein bisschen wie Berlin, vielleicht finden die zwei darum aneinander solchen Gefallen. Was lange abseits lag, was unbelebt war, schwarz-weiß, alt und etwas verstaubt, das wird nun lebendig, laut, neureich und etwas grell.

Aber eben lebendig. Sehen Sie hier eine Auswahl von Andreas Gurskys Fotos - in unserer Bildergalerie