Vor dem Natural History Museum in London ist es laut an diesem Mittwochmorgen im Juli. Hunderte von Schülern stehen in langen Schlangen vor dem Hauptportal. Der Eintritt in das ehrwürdige viktorianische Gebäude ist frei, ganze Klassen werden durch die Hallen geschleust, in denen sie Dinosaurierskelette und alte biologische Sammlungen bestaunen können. In dem Gewusel kann man einander nur mit dem Handy orten. Schließlich entpuppt sich ein winkender Mann in schwarzem T-Shirt und Jeans als der Gesuchte. Richard Wiseman erinnert mit seinem fast kahlen Schädel und dem Bärtchen ein bisschen an Thomas D von den Fantastischen Vier und wirkt deutlich jünger als 40. Das Museum hat er als Treffpunkt ausgesucht, weil er hier als Jugendlicher den Entschluss gefasst hat, Psychologe zu werden.

Inzwischen ist er Stammgast im Haus, kennt sich nicht nur in allen Abteilungen bestens aus, sondern hält auch oft populärwissenschaftliche Vorträge. Zielstrebig steuert er durch die zentrale Halle, grüßt einen Freund, der im albernen Tropenanzug vor einem Dinosaurier steht und geduldig Kinderfragen beantwortet, und landet in der Ausstellung über den menschlichen Körper. Hier gibt es auch eine Abteilung für Psychologie – vor allem robuste Exponate mit optischen Täuschungen, denen man ansieht, dass sie bereits Generationen von Kindern fasziniert haben. Die Frage, wie und warum sich Menschen täuschen lassen, beschäftigte schon den jungen Wiseman, und bis heute zieht sich das Thema als roter Faden durch seine Arbeiten.

Wenn es in den vergangenen Jahren eine Wissenschaftsmeldung auf die vermischten Seiten der Tageszeitungen schaffte, dann kam oft der Name Wiseman darin vor: Wissenschaftler haben ein Phantombild des wahren James Bond erstellt! Menschen wählen überdurchschnittlich oft einen Beruf, der mit ihrem Nachnamen zu tun hat! (Psychologe, Wiseman, alles klar?) Fußgänger in London gehen langsamer als in Berlin!

Das seltsame Fach, für das Wiseman eine Professur an der University of Hertfordshire nördlich von London innehat, nennt sich Public Understanding of Psychology. Dahinter verbirgt sich eine maßgeschneiderte Stelle für einen Wissenschaftlertyp, der beides vereinbaren kann – der einerseits seriöse Forschung betreibt und andererseits den Auftritt in der Öffentlichkeit beherrscht, Vorträge hält, in Fernsehshows auftritt. Wiseman hat keine Lehrverpflichtung, er wählt seine Projekte selbst aus. »Meine Arbeitgeber sind zufrieden mit dieser Doppelrolle«, sagt er, »die öffentlichen Auftritte gehören zum Job dazu, und sie freuen sich, wenn ich für meine Projekte Geldquellen auftue, was ja in der Wissenschaft eher selten ist.«

Richard Wiseman begann seine Karriere als professioneller Zauberer, und neben der Fingerfertigkeit ist die Psychologie das wichtigste Element der Zauberei: die Aufmerksamkeit des Publikums so zu manipulieren, dass es sich bereitwillig an der Nase herumführen lässt.

Folgerichtig begann sich Wiseman für eine Sparte der Psychologie zu interessieren, die sowohl an Zauberei wie an Wissenschaft grenzt: die Parapsychologie. Bei Psi- und Spukphänomenen geht es ja nicht nur darum, ob Menschen tatsächlich Gedanken übertragen oder Gegenstände mit Geisteskraft bewegen können. Mindestens ebenso spannend ist die Frage, wieso sie überhaupt an das Übersinnliche glauben und immer wieder auf Scharlatane hereinfallen.