DIE ZEIT: Herr Senator, lange galt Berlin als arm, aber sexy. Nun kommt die Stadt ohne neue Schulden aus. Wie erotisch ist es, reich zu sein?

Thilo Sarrazin: Wir haben immer noch 60 Milliarden Euro Schulden, damit bezeichne ich uns nicht als reich. Berlin ist aus einer ungeordneten Armut in eine geordnete Armut übergegangen. Man kann ja arm sein und trotzdem seine Finanzen im Griff haben, dann kauft man sich eben alle zwei Tage einen Liter Milch. Oder man hat seine Finanzen nicht im Griff und kauft sich jeden Tag ein Sixpack Bier. Das sind so die Unterschiede.

ZEIT: Für manche ist das Sixpack Bier attraktiver als der Liter Milch.

Sarrazin: Nur beim ersten Mal. Zu viel Bier sorgt für einen dicken Kopf und macht einen Bauch.

ZEIT: Aber die Frage ist doch, ob eine Stadt wie Berlin nicht über ihre Verhältnisse leben muss? London ist reich, Paris ist mondän – aber Berlin schwankt bis heute zwischen Aufbruch und Untergang.

Sarrazin: Ich kann in Berlin so viel Ordnung schaffen, wie ich will, es wird immer noch genug Chaos übrig bleiben, um die Stadt interessant zu halten. Der normale Berliner ist nicht reich, der kämpft mit seiner Heizkostennachzahlung und überlegt, wie er sich den Urlaub zusammenspart. Er weiß, dass Mangel und Kargheit kompetent verwaltet werden müssen. Das erwartet er auch von der Politik. Gleichzeitig erwartet er von der Politik einen gewissen Glanz, den man immer von jenen erwartet, die einen repräsentieren. Und ich meine, das hat der Berliner Senat doch bisher ganz gut hinbekommen.

ZEIT: Man sagt ihnen einen besonderen Hang zu Sekundärtugenden nach. Wann haben Sie die Sparsamkeit schätzen gelernt?

Sarrazin: Was heißt Sparsamkeit? Ich habe 1990/91 eine ganze Reihe von Regelungen erfunden, die dafür verantwortlich waren, dass sich der Bund so maßlos verschuldete.

ZEIT: Wie bitte?

Sarrazin: Ich hatte damals im Finanzministerium die Fachaufsicht für die Treuhandanstalt. Ich wollte für den DDR-Nachlass keine Haushaltsmittel, sondern die Treuhand wie ein Unternehmen behandeln. Deswegen wurden ihre Defizite bis zu ihrer Auflösung 1994 nicht als Staatsverschuldung gebucht, sondern als Unternehmensschulden. Das war auch richtig, denn man musste die Sache zügig lösen. Mit der Haushaltsabteilung des Finanzministeriums wäre das damals nicht möglich gewesen. Sie können sehen, wie die Staatsverschuldung von 1994 an dramatisch anstieg.