Hat die Freiheit eine Grenze?

Mögen sich die französischen Schriftsteller und Philosophen vor Kurzem heftig über ihren künftigen Präsidenten gestritten haben – das weitaus wichtigere intellektuelle Ereignis in Frankreich ist der Streit um das Werk des Philosophen Alain Badiou, genauer gesagt: ein koordinierter Angriff auf sein Denken. Dieser Angriff auf Badiou begann mit einer Reihe von Artikeln in Le Monde, gefolgt von einem ganzen Block von Texten in Les temps modernes und schließlich von Eric Martys Buch Ein Streit mit dem Philosophen Alain Badiou (Gallimard 2007). Der rote Faden all dieser Angriffe besteht in der Anschuldigung, Badiou sei ein Antisemit und heimlicher Holocaust-Leugner. Ausgelöst hat die Attacken dabei nicht das Erscheinen von Badious Meisterwerk Logiques des Mondes (2006), einer systematischen Darstellung seines Denkens, sondern die Publikation einer schmalen Sammlung kurzer politischer Texte: In dem gemeinsam mit Cecile Winter verfassten Band Circonstances 3 über den »Namen des Juden« kritisiert Badiou die politische Instrumentalisierung des Holocaust, plädiert für eine Wiederbelebung der »universalistischen« jüdischen Identität und macht sich für die Einstaatenlösung des israelisch-palästinensischen Konflikts stark.

Die Leidenschaften, die der Streit entfesselt hat, sind ein Hinweis darauf, wie viel in dieser Auseinandersetzung auf dem Spiel steht, an der vor allem ehemalige Schüler des Psychoanalytikers Jacques Lacan beteiligt sind. Eine ironische Note erhält der Streit dadurch, dass er vornehmlich unter ehemaligen Maoisten geführt wird – zu denen Badiou selbst, aber auch Jean-Claude Milner, Bernard-Henri Lévy, Jacques-Alain Miller, François Regnault und Alain Finkielkraut zählen – und an ihm bereits viele Freundschaften zerbrochen sind.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht eine einzige Frage: Welches Ziel sollten politisch Handelnde wählen? Sollte ihr Anliegen allgemeiner Natur sein und für alle Menschen gleichermaßen gelten? Oder ist das Ziel partikular und an eine besondere Identität gebunden?

Die »jüdischen Maoisten« – und das sind scharfe Kritiker Badious wie Francois Regnault – sagen nun: »Jude« zu sein ist ein solches besonderes Anliegen. »Juden« stünden für das, was sich dem globalen Trend, alle Schranken und Begrenzungen zu überwinden, widersetzt. Der Name »Jude« bezeichne eine grundlegende Treue zu dem, was man ist, mithin den Widerstand gegen die totale Entgrenzung, gegen die »Verflüssigung« aller stabilen symbolischen Identitäten in der globalen Moderne.

So wirft François Regnault der Linken, aber vor allem Alain Badiou vor, sie würden von den Juden – und zwar in viel stärkerem Maße als von anderen ethnischen Gruppen – verlangen, »von ihrem Namen abzulassen« und den Widerstand gegen den globalen Trend der Verflüssigung aller Identitäten aufzugeben. In der Welt des liberalen Multikulturalismus dürften alle Gruppen ihre Identität behaupten – nur die Juden nicht. Entschieden haben Alain Badiou und seine Mitstreiter diese Kritik zurückgewiesen. Sie wollen ihrem universellen Anliegen treu bleiben, das heißt: Dieses Anliegen soll in keinem besonderen Gehalt, sei er ethnischer oder religiöser oder sonstiger Natur, begründet sein. Badiou dreht deshalb den Spieß einfach um: Wer der Freiheit Grenzen setzen wolle, der gebe zu, dass das Projekt der Emanzipation gescheitert sei.

In der Tat warnen die Gegner Badious uns ständig vor den »totalitären« Gefahren jeder radikalen Emanzipationsbewegung. Ihre Forderung läuft darauf hinaus, unsere Endlichkeit und die Begrenztheit unserer Lage voll und ganz zu akzeptieren. Das jüdische Gesetz sei der wichtigste Merkposten dieser Endlichkeit, weshalb alle historischen Versuche, dieses Gesetz zugunsten einer allumfassenden Liebe (sei es die des Christentums, der Jakobiner oder des Stalinismus) zu überwinden, zwangsläufig in totalitärem Terror endeten. Denn alles Totalitäre weigere sich, die menschliche Endlichkeit anzuerkennen. Mit einem Wort: Die Juden und ihre Treue zum Gesetz seien das letzte Hindernis, das sich der modernen Verflüssigung, der Überwindung aller Trennungen in einer allumfassenden Einheit, entgegenstellt, weshalb es für totalitäre Universalisten wie Badiou nur eine Lösung der jüdischen Frage gebe, nämlich die »Endlösung« – ihre Vernichtung.

Hat die Freiheit eine Grenze?

Hier ist Widerspruch angebracht. Ist es nicht so, dass die Vorkämpfer des Badiouschen Universalismus – angefangen von Spinoza über Marx bis Freud – gerade atheistische Juden waren? Und war der Streit zwischen Universalismus und Partikularismus nicht auch eine Auseinandersetzung innerhalb der jüdischen Identität? Vielleicht ist diese innerjüdische Auseinandersetzung heute ein Streit, der uns alle angeht: der Streit zwischen der Treue zum messianischen Impuls und der bloßen reaktiven »Politik der Angst«, die nichts anderes will, als die eigene partikulare Identität zu bewahren.

Erinnern wir uns. Die privilegierte Rolle, welche Juden bei der Ausbildung jener Sphäre spielten, die Kant als den »öffentlichen Gebrauch der Vernunft« bezeichnete, hing von ihrer Distanz zu allen Formen staatlicher Macht ab. Nicht der abstrakt-universelle Charakter ihres Monotheismus, sondern der Umstand, dass die jüdischen Intellektuellen nie ganz in eine organische nationalstaatliche Gemeinschaft hineinpassten, machte sie zur Verkörperung des Universalismus. Deshalb überrascht es nicht, wenn mit der Entstehung des jüdischen Nationalstaats eine neue jüdische Figur auf den Plan tritt – der Jude, der sich weigert, den israelischen Staat als sein wahres Zuhause anzuerkennen. Für diese Juden – und Alain Badiou gehört dazu – ist der Staat Israel einer, zu dem er bewusst auf Distanz geht, weil er in den Fugen, in den Zwischenräumen dieses Staats leben will. Deshalb ist er vielen unheimlich und gerät ins Visier eines Denkens, das man nur als »zionistischen Antisemitismus« bezeichnen kann: Den Zionisten erscheint er als unheimlicher Jude mit jenem »Zuviel an Fremdheit«, das die nationalstaatliche Gemeinschaft stört. Doch diese Juden, die »Juden der Juden«, die würdigen Nachfahren Spinozas, sind heute vielleicht die einzigen Juden, die unverdrossen auf dem öffentlichen Vernunftgebrauch beharren und sich weigern, ihr Urteilsvermögen der Domäne und dem Denken eines Nationalstaats unterzuordnen.

Der wahre Hintergrund des Intellektuellenstreits lässt sich also leicht erahnen. Alain Finkielkraut hat unlängst Badious Werk als »die gewaltsamste Philosophie« der Gegenwart bezeichnet, die symptomatisch sei »für die Rückkehr des Radikalen und den Niedergang des Antitotalitarismus«. Das allerdings wäre das Eingeständnis, dass die langjährige und ach so mühselige Arbeit der »Antitotalitären«, der Kämpfer gegen das »alte linke Denken« von den französischen Nouveaux Philosophes bis zu den liberalen Neokonservativen gescheitert ist. Was eigentlich hätte tot sein sollen, kehrt mit Macht zurück – unter anderem im Denken Badious.

Doch es wäre verhängnisvoll, wenn man sich von diesen antitotalitären Warnungen der Gegner Badious täuschen ließe. Was bei diesem Streit auf dem Spiel steht, ist womöglich nicht weniger als das Schicksal der Aufklärung, der europäischen Moderne. In Wirklichkeit misstrauen die Kritiker Badious der Aufklärung nämlich zutiefst, mehr noch: Sie schieben die Schuld an den Katastrophen des 20. Jahrhunderts der »abendländischen Metaphysik« in die Schuhe. Diese Metaphysik habe in gerader Linie »von Plato zur Nato« (oder vielmehr zum Gulag) geführt, denn der Übergang vom philosophischen Begriff der Totalität zum politischen Totalitarismus sei zwingend und unausweichlich gewesen. So fungieren die Kritiker Badious als eine Art »philosophischer Polizei«. Sie wollen bereits in Platons Dialogen oder Rousseaus Abhandlung über den Gesellschaftsvertrag die Vorzeichen eines politischen Verbrechens erkennen. So gesehen, sind sie Agenten eines neuen Denkverbots, sozusagen die »Säuberer« des postmodernen Liberalismus.

Badiou hingegen, so sehr sich seine Philosophie auch von der eines Jürgen Habermas unterscheidet, teilt dessen Parteinahme für die Sache der Aufklärung und ihre universellen, für alle Menschen geltenden Werte. Für Badiou hat die Aufklärung ihre Potenziale noch lange nicht ausgeschöpft, und jede Kritik an ihr sollte als aufgeklärte Selbstkritik ausgetragen werden. Für beide Denker also ist das Projekt der Aufklärung unvollendet und jede Krise ein Anlass weiterzugehen – oder, um Samuel Becketts Namenlosen zu zitieren: »Man muß weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muß weitermachen, ich werde also weitermachen.« Oder wie Badiou selbst in seiner unnachahmlich platonischen Weise sagen würde: Wahrhaft universell-emanzipatorische Ideen sind ewig und nicht klein zu kriegen. Sobald man sie für tot erklärt, kehren sie stets zurück. Badiou muss diese Ideen also lediglich von Neuem deutlich aussprechen, um das antitotalitäre Denken in all seiner Dürftigkeit als das erscheinen zu lassen, was es ist, eine opportunistische Pseudotheorie, die allein auf das eigene Überleben und die eigenen Ängste fixiert ist.

Im Übrigen hat dieser Philosophenstreit einen recht provinziellen französischen Beigeschmack. Er verrät den Neid der Nouveaux Philosophes, denen es nicht gelungen ist, irgendwen außerhalb Frankreichs ernsthaft für dieses Denken zu interessieren. Bernard-Henri Lévys unlängst erschienener Bericht über seine Reise durch die Vereinigten Staaten ist in den USA mit Spott aufgenommen worden – der einzig interessante Aspekt seiner Promotionstour durch die Staaten bestand in dem Gerücht einer Affäre mit Sharon Stone. Tatsache ist, dass seit einigen Jahren drei Namen in der angelsächsischen Welt für politische Philosophie aus Frankreich stehen: Alain Badiou, Jacques Rancière, Etienne Balibar. Und zwar verdientermaßen. Dieses eine Mal wenigstens ist die Geschichte gerecht.

Hat die Freiheit eine Grenze?

Aus dem Englischen von Michael Adrian

Der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Žižek ist internationaler Direktor am Birkbeck-Institut in London