»San Francisco war für Schwule und Lesben, was Israel für Juden war, nur mit weniger Kriegen und mehr Parties.« Das schreibt Joshua Gamson in seiner Biografie der Disco-Diva Sylvester über das Jahr 1967. Man kennt noch keine Patchworkfamilien, als Sly & The Family Stone sich zusammentun, aber dieser sanfranziskanische Haufen des Sly Stone ist eine – eine aus dem utopischen Bilderbuch der sechziger Jahre. Männer und Frauen, Weiße und Schwarze, gerne mit gegen die Hautfarbe besetzter Perücke – für alle(s) ist Platz in dieser polymorph-perversen Familie.

Erste voll integrierte Band der Rockgeschichte!, jubelt die Kritik. Integration ist ein umkämpfter Begriff in diesen Tagen, die Leichen der ermordeten afroamerikanischen Führer Malcolm X und Martin Luther King sind noch nicht kalt. Dazugehören und Anderssein konfigurieren sich stündlich neu, die Formel, dass alles möglich sei, ist gleichermaßen Versprechen wie Drohung. In diese Hitze schleudern Sly & The Family Stone eine fabelhafte Serie von polyglotten Hits, schon die Titel haben universellen Anspruch: Everyday People, Everybody Is A Star, Dance To The Music, I Wanna Take You Higher, Stand! Für solche Slogans geben Turnschuhfirmen heute Millionen aus. An der Schwelle zu den Siebzigern stehen Sly & The Family Stone da wie der fleischgewordene Traum vom (haut-)farbenblinden, weltoffenen Amerika. Wäre da nicht das große Ego des Sylvester »Sly« Stewart und sein großer Hunger auf Drogen.

Kokain hat ja die zwiespältige Eigenschaft, das Selbstvertrauen in den Himmel wachsen zu lassen. Und mindestens dorthin wollte Stone mit seiner Musik. »Das Riot - Album ging sooo weit weg von all dem, was Sly vorher getan hatte, es war ein Spiel mit dem Feuer. Er wollte sehen, wie weit er sich vom kommerziellen Mainstream entfernen und dabei trotzdem kommerziellen Erfolg haben konnte«, erinnert sich ein Mitarbeiter seiner Plattenfirma. Und Sly konnte weit weg.

There’s A Riot Goin’ On erscheint 1971, am Morgen nach dem Aufruhr. Die Euphorie der riots liegt noch in der Luft, aber auch die Verwerfungen, die einsetzende Paranoia. Sly hört Stimmen, er spricht in Zungen. Vom dionysischen Groove des Welthits Family Affair stürzt die Family in eine Voodoo-Séance mit dem sprechenden Titel Africa Talks To You »The Asphalt Jungle«. Der Song Just Like A Baby lädt zum Schwimmen in der Fender-Rhodes-Fruchtblase, Spaced Cowboy ist ein Sexjodler über Rhythmusmaschine.

Eine Revolution damals, der Rhythmus aus der Box. Die Platte beginnt mit Luv N’ Haight, gesungen »love and hate«, aber Slys Schreibweise spielt auf die Haight Street an, die goldene Meile des summer of love im Herzen von San Francisco. Vier Jahre nach dem Sommer der Liebe klingt Haight plötzlich nach Hass. Und der Aufruhr geht weiter, behauptet der Albumtitel. Der gleichnamige Song dementiert: There’s A Riot Goin’ On ist als letztes Stück der A-Seite verzeichnet. Spieldauer: 0.00 Minuten.

Sly & The Family Stone: There’s A Riot Goin’ On (Epic/Sony)

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