Jede Zeit hat ihre Idole, jede Zeit hat ihre Schlüsselfiguren, und wo noch vor einer Weile die Naddels und Zlatkos dieser Welt die heimlichen Herrscher des Landes zu sein schienen, so viel Aufmerksamkeit zogen sie auf sich, so viel Wirbel wurde um sie gemacht – da sind es nun drei unscheinbare Gestalten, die immer wieder genannt werden, wenn es darum geht, wie sich dieses Land verändert, wie man hier lebt und wie man hier arbeitet.

Vom Dachdecker ist die Rede, wenn es um die Rente geht. "Ich kann einen Dachdecker mit 67 nicht mehr auf dem Dach arbeiten lassen", sagt SPD-Chef Kurt Beck immer wieder gern. Michael Sommer vom DGB dagegen spricht auffallend oft von der "Friseurin aus Thüringen", wenn es um die Frage des Mindestlohns geht, der eben mehr ist als der "Elendslohn von vier Euro", den Sommer bekämpfen will. Und der polnische Fliesenleger wird von Franz Müntefering über Angela Merkel bis zu Guido Westerwelle stets dann angeführt, wenn es um Schwarzarbeit, Lohnkonkurrenz oder ähnliche deutsche Arbeitnehmerängste geht. Der Dachdecker, die Friseurin, der Fliesenleger, das sind die drei Figuren, die unsere politischen Debatten dominieren. Eine Troika, die an die frühe BRD erinnert, vor der Informationsrevolution, vor der Globalisierung.

"Für die häufig genannten Dachdecker ändert sich nichts in der heutigen Situation."
Roland Pofalla, Generalsekretär der CDU

Es geht also um Johann Peter Lay, Ilka Brückner und Zbigniew Slapa. Mit der Großen Koalition ist offenbar der "Mensch" wieder in die Politik zurückgekehrt, was gar nicht so selbstverständlich ist, denn der "Mensch" ist keine politische Kategorie im engeren Sinn – das ist eigentlich der Bürger. Aber so verändert sich die Politik, so verändert sich das Land: "Mensch", das klingt viel sympathischer, da fühlt sich jeder gleich angesprochen, und Johann Peter Lay wird auch nichts dagegen haben, dass er im Zentrum der großen Politik steht.

Obwohl der 47-Jährige im Grunde ein schüchterner Mann ist. Er hat semmelblonde Haare, buschige Augenbrauen und eine lange Nase, und wenn er spricht, dann sagt er oft "dat", wie sie das eben tun in den Hügeln von Rheinland-Pfalz. Seit 383 Jahren gibt es den Dachdeckerbetrieb Lay in Trier, wo die Dächer so schwarz sind wie die Kutte der Priester und wie der Moselschiefer, nach dem die Lays benannt sind. Layendeckern, so hieß ihre Arbeit einst.

Ursprünglich hieß die Firma Rosenkranz, aber dann hat die Anna Maria im Mai 1832 den Johann Matthias Lay geheiratet, der noch einen etwas feisten großherzöglichen Adler in seinem Wanderbuch herumtrug. Das sind so die historischen Dimensionen hier, wo sie "Lay" immer noch in Fraktur schreiben – und der jetzige Lay erzählt erst einmal davon, dass sie die "Miezen" als Sponsor unterstützen, so werden die Frauen vom DJK/MJC Trier allgemein genannt, die zuletzt 2003 deutscher Handballmeister waren.

Er hat etwas Jungenhaftes an sich, der jetzige Lay, nur die Hände sind alt und faltig, der Daumen ist gekrümmt und voller Hornhaut. Dabei, sagt er, ist er kaum noch auf den Baustellen unterwegs, 20 Mitarbeiter hat er, die Arbeit in der Innung und vor allem die ganze Bürokratie, "da fällt ein Schreibkram an, das ist überwältigend". Der Vater hat das alles noch auf fünf, sechs Schmierblättern erledigt, "da gab es ein Telefon, und wenn da niemand rangegangen ist, ist eben niemand rangegangen". Nicht Berlin ist das Problem und auch nicht die EU; das Problem ist die moderne Kommunikation, "so schön das sonst ist".

Sein Betrieb liegt mitten in der Altstadt, nur eine Minute vom mächtigen Dom entfernt, ein flaches Giebelhaus mit einem überdachten Hof. Lay hat eine Frau und drei Kinder und fährt im Urlaub zum Segeln gern mal an den Gardasee. Er trägt Jeans und ein weißes Leinenhemd und eine sportliche Taucheruhr und wirkt weniger wie ein Handwerker, eher wie ein Mittelstandsunternehmer, der er ja auch ist. Und dem geht es gerade ziemlich gut. So wie es der ganzen Branche ganz gut geht. Dachdecker haben einen Tarifvertrag, der einen Mindestlohn von 10 Euro vorsieht und Dumpinglöhne verhindert. Ein Vorarbeiter verdient in der Regel 15,80 Euro die Stunde.