Erste Worte im siebten Monat, einfache Sätze im achten, dazu ein wenig leichte Mathematik und klassische Musik: So sieht der Lehrplan der Prenatal University in Hayward, Kalifornien aus. Ein Vorbewusstsein für Sprache und Zahlen soll sich damit einstellen, außerdem eine längere Aufmerksamkeitsspanne und überhaupt eine höhere Intelligenz – und das Ganze schon vor der Geburt. Etwa 3.000 neugeborene Absolventen zählt das Institut. Auch abseits der Fötus-Universität bietet der Markt Geräte, mit denen Schwangere ihren Bauch beschallen können, auch in Deutschland: Tonsequenzen für die Hirnentwicklung des Fötus, Mozart und Bach zur Entspannung. Und viele ehrgeizige Eltern lesen, singen, trommeln selbst für ihr Ungeborenes.

Wie viel von solchen Bemühungen beim Fötus ankommt, ist fraglich. Bauchdecke und Fruchtwasser dämpfen und verfremden Geräusche von außen. Und drinnen geht es akustisch ohnehin turbulent zu: Das Herz der Mutter dröhnt, die Schlagader direkt hinter der Fruchtblase pocht, der Magen rumpelt, der Darm gluckert. Und das Blut, das durch die Nabelschnur zum Ungeborenen fließt, verursacht Geräusche wie eine Klospülung. Bis zu 80 Dezibel beträgt der Lärmpegel im Mutterleib, etwa so viel wie an einer Autobahn.

Vom Getöse in der Gebärmutter bekommt der Fötus in der ersten Hälfte der Schwangerschaft nichts mit, erst ab der 20. Woche kann er hören. Vor allem tiefe Töne dringen dann zu ihm durch. "Von Mozart kommt da nicht viel an, Rockmusik wäre geeigneter", sagt der Neurologe Matthias Schwab von der Universitätsklinik Jena. Allerdings schläft das Ungeborene bis zu 20 Stunden am Tag. Plötzliche, laute Geräusche, die nicht zur Dauerlärmkulisse gehören, wecken es. Der pränatale Schulfunk könnte da eher störend sein.

Mozart macht Babys höchstens schlaflos

Dass die intellektuelle Karriere schon im Mutterleib beginnen kann, schlossen die Anhänger des belly talk (Bauchgesprächs) aus den Forschungsergebnissen von Anthony DeCasper von der University of North Carolina. Der Psychologe hatte gezeigt, dass Ungeborene Silben und Töne unterscheiden können und auf neue Gedichte mit heftigerem Herzschlag reagieren als auf solche, die ihnen schon oft vorgetragen worden waren. Zudem wählten Neugeborene per Nuckelfrequenz häufiger Geschichten aus, die sie schon im Mutterleib vorgelesen bekommen hatten, als andere.

Vorgeburtlicher Unterricht bringe trotzdem nichts, sagt DeCasper. Er mache das Baby nicht schlauer, gesünder oder besser. Auch der Neurobiologe Gerald Hüther von der Universität Göttingen hat Bedenken: "Man kann zwar einzelne Bereiche im Hirn des Ungeborenen durch Reize stärken, aber nur zulasten anderer Areale. Die Folgen sind nicht kalkulierbar." Und Kurt Hecher, Direktor der Uniklinik für Pränatalmedizin in Hamburg, hält die fötalen Nachhilfestunden schlicht für "jenseits rationaler Überlegungen".

Das heißt jedoch nicht, dass die Zeit im Mutterleib spurlos am Ungeborenen vorbeigeht. Im Gegenteil, es verdichten sich die Hinweise darauf, dass Einflüsse während der Schwangerschaft einen Menschen für sein ganzes Leben prägen, dass sie Krankheiten vorherbestimmen und die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können. Der Fötus werde regelrecht programmiert, sagen Vertreter der Fetal-Origins-Hypothese. "Die Prägung während der Fötalzeit ist genauso bedeutend wie die Gene und der spätere Lebensstil", sagt Peter Gluckman von der University of Auckland in Neuseeland, einer der Pioniere auf dem Gebiet. Nur wird das Ungeborene weniger durch Mozart und Trommelsessions beeinflusst als durch den Stoffaustausch mit der Mutter.

Denn durch die Plazenta dringen neben Sauerstoff Energieträger wie Zucker und Fette, dazu Aminosäuren und Eiweiße (darunter Antikörper) sowie Hormone in den Blutkreislauf des Fötus. Über die etwa einen halben Meter lange Nabelschnur werden sie in den Körper des Kindes gespült. Hier sorgen sie nicht nur für Entwicklung und Wachstum, sondern – so die Hypothese – eichen auch wichtige Regelsysteme, unter anderem das für Hunger und das für Stress. Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes könnten so programmiert werden und damit das Risiko für Schlaganfall und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch psychische Störungen wie Schizophrenie und Depression könnten eine Ursache in der Zeit vor der Geburt haben.