Einem Gerücht zufolge sind Marktteilnehmer, also wir alle, kluge Menschen, die in dem Augenblick, wo sie ein Geschäft betreten, nur einem Gesetz folgen: "Geiz ist geil". Artig lässt der Kunde seine Moral zu Hause und handelt allein nach Maßgabe ökonomischer Vernunft, zu seinem größtmöglichen Nutzen und Frommen. Er tut gut daran, denn auch der Markt kennt keine Moral, er kennt nur Preissignale, den Code des Geldes und die Logik des Angebots. Eine andere Sprache versteht er nicht. Oder in den Worten des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Paul Samuelson: "Der Markt hat kein Herz, der Markt hat kein Gehirn. Er tut, was er tut."

Inzwischen sind einigen Ökonomen Zweifel gekommen, ob das allseits verehrte Sittenbild vom Homo oeconomicus und von der "Herzlosigkeit" des Marktes überhaupt noch stimmt. Folgen Marktbewegungen wirklich nur Eigennutz und Kalkül? Gibt es keine anderen Motive, die die Kundschaft bewegen, vielleicht sogar: moralische? Der Kulturwissenschaftler Nico Stehr behauptet in seinem Buch Die Moralisierung der Märkte nun, der viel beschworene, nur auf seinen geldwerten Vorteil bedachte "Wirtschaftsmensch" sei eine undurchschaute Fiktion der ökonomischen Zunft, sozusagen eine akademische Strohpuppe, die etwas Leben in die kalte Theorie-Bude bringen soll. In Wirklichkeit habe sich der Markt längst dem kulturellen und moralischen Wissen der Gesellschaft geöffnet, zum Beispiel dem umweltbewussten Kunden. Kurzum, das alte Dogma, wonach der Produzent produziert und der Konsument konsumiert, ist Schnee von gestern. Der Markt ist moralisch klüger, als die Diskurspolizei erlaubt.

Stehr will einfach nicht glauben, was Heerscharen von Wirtschaftsweisen Hand in Hand mit einigen Luhmann-Schülern als Flügeladjutanten zu predigen nicht müde werden: dass Markt und Moral, Wirtschaft und Gesellschaft unvereinbare Kontinente sind und keine Brücke von hüben nach drüben, von der Gesellschaft zur Wirtschaft führt. Für Stehr beruht diese Zweiweltenlehre auf einem schlichten akademischen Irrtum, nämlich auf der "Kanonisierung des Marktes im Sinne des neoklassischen Modells". Tatsächlich sehe die Wirklichkeit längst anders aus, auch wenn der Zeitungsleser es nicht glauben wolle: Trotz obszöner Managementgehälter, trotz Korruption in großem Stil und krimineller Selbstbereicherung habe sich der Markt nicht von der Moral entfernt, sondern sich ihr geöffnet. Gesellschaftliche Wertentscheidungen "wirken in einem nicht gekannten Ausmaß auf den Markt" zurück, wie die Revolution der Umwelttechnik oder das Angebot an Bioprodukten beweise. Der Kunde bleibe auch an der Ladenkasse ein Bürger. Seine "kulturellen Präferenzen" und "normativen Überlegungen" spielen eine "Schlüsselrolle" in der angeblich moralfreien Realität der Wirtschaft – und zwar weitaus mehr, als die klassische Lehre, deren Herzstück noch aus den Zeiten von Elend und Mangel stamme, sich je habe träumen lassen.

Ganz konsequent spricht Stehr von einer neuen "Ära der Marktverhältnisse" und einer historisch neuen Stufe der Marktentwicklung. Die Moralisierung setze dabei weder das Nützlichkeitsprinzip außer Kraft, noch schwäche sie die produktiven Energien des Kapitalismus. Dass die Moral in die Wirtschaft einwandert, widerlegt in Stehrs Augen auch die Klage über die schleichende Ökonomisierung unserer Lebenswelt, also die kulturkritische Behauptung, der geistlose Geist der Manager-Etagen habe den Sieg davongetragen und werde alles, was sich nicht rechne, auf den Müllhaufen der Geschichte befördern. Stehr gibt Entwarnung. Nicht der Markt, nicht die Flanellträger unserer tollen Großkonzerne verformten die Tugend der Gesellschaft, sondern die moralische Gesellschaft forme den Markt. Für die Kultur- und Kapitalismuskritiker wäre das ein schöner Trost. Auch wenn sie sich als ewige Verlierer fühlen, so wären sie in Wahrheit viel einflussreicher, als sie es wahrhaben wollen. Ob Stehr damit die Einflussmacht der Kultur- und Ökokritiker nicht weidlich überschätzt?

Es ist ein hohes wissenschaftliches Podest, auf dem Stehr das klassische Marktschema auseinander schraubt und neu aufpoliert. Recht pedantisch und ziemlich trocken, ist er darauf bedacht, seine Studie im Bunkerbeton der Fußnoten einzugraben und mit immenser Belesenheit nach allen politischen Windrichtungen wetterfest abzusichern. Doch auf die entscheidende Frage muss der vorsichtige Forscher die Antwort schuldig bleiben. Rettet die Moralisierung des Marktes ("Kauft klimafreundlich") den Kapitalismus vor seinem Untergang und die Menschheit vor der Katastrophe? Wenn ja, dann müsste es gelingen, die eiserne Marktlogik durch Moralisierung vollständig umzupolen, und zwar von Exzess auf Askese – von Wachstum und Verschwendung auf Schonung und Ressourcenerhaltung. Dass wäre die Quadratur des Kreises, ein weltliches Wunder und letztendlich die Versöhnung von Natur und Ökonomie. Realistischer als der heimliche Traum vom welthistorischen Sieg der Moral über die Zerstörungskraft des Marktes scheint indes die Vermutung, dass auch moralisierte Märkte, jedenfalls unter den gegenwärtigen Bedingungen, so lange Energie fressen, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.