Es sind die ganz großen Themen, mit denen uns Hiroshi Sugimoto konfrontiert: Wahrheit, Sein und Zeit. Doch was war und was ist, was wahr ist und was nicht, dieser einstigen Gewissheiten sind wir beim Anblick seiner Bilder beraubt – in erkenntnisphilosophischer wie in fototechnischer Hinsicht. Alles verschwimmt buchstäblich am Horizont, der Himmel und Wasser, Ursprung und Dasein trennt.

In Sugimotos Seascapes , einer kontemplativen Fotoserie von Meereslandschaften, ist die Linie zwischen Ozean und Himmel manchmal völlig verschwunden. Der japanisch-amerikanische Fotokünstler schafft seit den 1970er Jahren einzigartige hyperrealistische Bilder, die nun in einer ersten großen Retrospektive in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW zu sehen sind. Die Ausstellung wurde vom Fotografen so penibel konzipiert wie jedes einzelne seiner Bilder. Und es entstand ein auratisch aufgeladener Raum der Ruhe, Konzentration und Nüchternheit. Die Seascapes (1980 bis 2003) aber sind der Eingang in Sugimotos Welt: Elf großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien reihen sich an einer konkaven, die Krümmung des Horizonts aufnehmenden 40 Meter langen Ausstellungswand.

»Kann jemand heute einen Schauplatz so sehen, wie ein urzeitlicher Mensch ihn gesehen haben mag?«, fragte sich Sugimoto eines Nachts in einem seiner inspirativen Selbstgespräche in New York. Die Antwort: Im Unterschied zu Landschaften haben sich Meer und Himmel nicht verändert; sie stehen für das, was schon immer war und wohl immer sein wird. Zeit nämlich ist die Lieblingsdimension des Künstlers. In jedem der neun Ausstellungsräume, in jedem Bild ist sie vorder- oder hintergründig präsent: ob als Rückbesinnung auf ein kollektives Gedächtnis, als Reise zu urzeitlichen Orten, als Reflexion über Vergängliches oder als uralter Wert, der zusammen mit Geduld und Langsamkeit verloren gegangen ist.

Deshalb begibt sich Sugimoto auch zurück zu den fotohistorischen Anfängen: Der 59-Jährige, der in New York und Tokyo arbeitet, zelebriert die Kunst der analogen Fotografie. Ausgerüstet mit einer alten Großbildkamera aus dem 19. Jahrhundert, lichtet er in langen, perfektionistischen Sessions seine Ideen ab. Geduldig öffnet er die Blende der Kamera, wartet, wartet, wartet und schließt sie wieder. Nach 20 Minuten oder nach Stunden, das hängt vom Motiv ab.

Heraus kommen zum Beispiel gestochen scharfe Porträts des englischen Königs Heinrich VIII. oder des japanischen Regenten Hirohito. Es sind Kopien von Kopien von Kopien: Sugimoto fotografierte Wachsfiguren in Madame Tussauds Kabinett, die wiederum plastische Nachbildungen von Fotos oder Gemälden sind, wie etwa im Falle von König Blaubart , 1540 von Hans Holbein auf Leinwand verewigt. Dank der Langzeitbelichtung und der Unbeweglichkeit der Figuren ist jedes Detail genau sichtbar – sie wirken lebensecht. Hier beginnt das Spiel mit der Wahrheit.

Denn Sugimoto stellt, hierin ganz Surrealist und Konstruktivist, die herkömmliche Auffassung von Fotografie infrage, diese solle Wahrhaftiges und Objektives reproduzieren. Stattdessen wird sie zum Abbild von Fantasien des Künstlers. Seine Fotos sind Manifestationen einer idealen Welt und Vortäuschungen einer fantastischen Wirklichkeit. Sugimotos Bilder von Aasgeiern, die ein Zebra zerlegen, oder von tanzenden Pflanzen unter Wasser entstanden nicht in der Natur, sondern sind Fotografien von Dioramen aus dem American Museum of Natural History in New York. 1976 legte ein solches Bild den Grundstein für Sugimotos Karriere: Der Polar Bear , der gerade im Begriff ist, einen toten Pinguin zu verspeisen, beeindruckte das Museum of Modern Art.