Staaten mit langen Küsten und liberaler Tradition wie die USA und England kennen keine Melde- oder Ausweispflicht, aber dafür umso schärfere Grenzkontrollen; die Laxheit im Inneren bedingt die Strenge im Äußeren. Gerade in Amerika war das stets eine lästige Routine, aber seit »9/11« leuchtet die Fackel der Freiheitsstatue (»Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore«) immer schwächer. Geradezu zwanghaft vermehren sich die Sicherheitsgesetze – und schlagen immer heftiger auf die EU durch. Das ist weder gut für Europa noch für Amerika.

Jeder neue Ukas ist irgendwie nachvollziehbar; schließlich ist im Zeitalter maximaler Verwundbarkeit durch minimale Mittel (das ist die klassische Waffe des Terrorismus) »ohne Sicherheit alles nichts«, um das deutsche Wort »Ohne Frieden ist alles nichts« abzuwandeln. Aber warum sollen sich Touristen aus den 26 visafreien Ländern (wie Deutschland) 48 oder gar 72 Stunden vorher per Fragebogen anmelden? Geschäftsleute zumal müssen etwas kurzfristiger disponieren. Betroffen wären davon 15 Millionen Reisende jährlich, die allermeisten aus der EU.

Die Suche nach Sicherheit enthält immer eine obsessive Dynamik: Es gibt nie genug. Da muss noch dieses Loch, jene Lücke gestopft werden. Diese Idee, geboren aus der Furcht, die ebenfalls keine Grenzen kennt, wird zur fixen, die sich ständig ausweitet (übrigens nicht nur in den USA, siehe die Flugdatenpläne des Berliner Innenministeriums). Innerhalb der nächsten drei Jahre will der US-Heimatschutz alle Luftfracht durchleuchten. Eine sinnvolle Idee, nicht wahr? Innerhalb von fünf Jahren aber soll das auch für alle Schiffscontainer gelten. Haben die Heimatschützer dabei berechnet, wie viele Milliarden die Verzögerungen oder gar die Handelsverluste kosten werden? EU-Exporte von 333 Milliarden Dollar stehen auf dem Spiel.

Im nächsten Jahr sollen die Airlines etwa 20 Passagierdaten an die Behörden übermitteln, aber dann schon vor dem Start. Passnummer und Wohnort sind längst Routine, aber die Konto- oder Kreditkartennummer? Bei Inlandsflügen hat der Kongress gleich no gesagt, der Name reicht. Und bei Flügen aus dem Ausland? Erschreckendes wusste am 27. Juli die Washington Post zu vermelden: Angeblich soll auch nach »ethnischem Ursprung, politischen Meinungen und religiösen Überzeugungen« gefragt werden. Das wäre Orwell im IT-Format und in Echtzeit; selbst wo es um »foreigners« geht, würde der Kongress (und bestimmt der Supreme Court) sein Veto einlegen.

Doch zeugen solche Berichte, gehypt oder nicht, von der grenzenlosen Fantasie der Sicherheitskaste, und deshalb ist Wachsamkeit auf Volkes Seite keine Hysterie. Es mag ja ein »guter« Staat sein, der uns da beschützen will, aber Information ist Macht, und Macht ist nur erträglich, wenn die »checks and balances«, eine amerikanische Erfindung, funktionieren.

Auf jeden Fall wünscht man sich von der EU ein spitzeres Ohr und eine lautere Stimme. Nicht nur aus abstrakt-philosophischen Gründen im ewigen Widerstreit zwischen Freiheit und Sicherheit, sondern aus ganz praktischen Erwägungen, die gut für beide Seiten sind. Die atlantische ist immer noch die größte Handelsbeziehung der Welt; das ist der eine Appell. Der andere muss Amerikas beste Traditionen anmahnen. Notfalls mit Vergeltung, die Washington zur Räson ruft: 72 Stunden Voranmeldung auch für Amerikaner!

Die USA, Bush hin oder her, sind seit 1945 der Pfeiler einer liberalen Weltordnung – in Handel und Wandel, Investition und Information. Davon hat Amerika mindestens so viel profitiert wie der Rest der Welt. Was wären Harvard und Stanford ohne die Besten aus Asien und Europa? Nun aber verdichtet sich die Abkapselung, gegenüber Menschen wie Waren. Die Demokraten werden beim Protektionismus noch anfälliger sein als die Republikaner.

Lassen wir die Freiheitsstatue beiseite, und sagen wir es ganz schlicht. Seit ein paar Jahren sinkt die Zahl der Amerika-Reisenden (Ausnahme: Mexiko und Kanada), während der internationale Verkehr als Ganzes wächst. Das schmälert die Leistungs- und Talentbilanz, aber auch die Reputation. Denn die Forschung zeigt, dass Amerika-Besucher eine bessere Meinung vom Land haben als die Daheimgebliebenen. Gewiss, »ohne Sicherheit ist alles nichts«, aber in einer liberalen Demokratie ist Sicherheit nur Mittel, nicht Selbstzweck.