Zwischen Haben und Sein besteht ein Missverhältnis. Das hat nicht nur Erich Fromm einst ermittelt, darüber belehrt uns das Dasein täglich erneut. Zu viel Zeug, aber zu wenig Leben und Liebe, das ist auch eines der großen Probleme der Figuren von Arno Geiger. Philipp Erlach bekam das besonders eklatant zu spüren. Über sein unfertig-unentschlossenes Leben brach die Erbschaft der großmütterlichen Villa herein, und sein Robert-Walsersches Gemüt sah sich plötzlich belastet mit den Bleigewichten des ganzen Familienkrams, der Geschichte, der Generationenfolge. Philipp konnte und wollte das alles nicht auf sich nehmen. Nach letzter Durchsicht räumte er auf, ab und weg, um sich anschließend davonzumachen. Davon erzählt Arno Geigers Roman Es geht uns gut.

Der Umstand, dass dabei Philipps Außenseitergrillen, die Zeitgeschichte und das Boomthema Familie ansprechend zu einem facettenreichen Roman verbunden wurden, fand Anklang. 2005 war Arno Geiger der Hans im Glück der Literaturszene. Er gewann mit dem Roman den erstmals vergebenen Deutschen Buchpreis, und die Auflage schnellte in ungeahnte Höhen.

Ums Abschaffen und Ballastabwerfen geht es auch in Geigers neuem Buch, seinem, nach vier Romanen, ersten Band mit Erzählungen. Zum Beispiel im Falle von Herrn Gabriel aus der schon vor zehn Jahren entstandenen Geschichte Koffer mit Inhalt. Einst hat Herr Gabriel verlorene, von niemandem mehr beanspruchte Koffer versteigert. Nun nach der Pensionierung und dem Tod seiner Frau begreift er, »daß die Wohnung seiner Ehejahre genau wie diese Koffer vollgepfercht war mit Sinnlosigkeiten, die ihn verwirrten und verdarben und von sich selbst ablenkten«. Die entlastende Befreiung gelingt ihm jedoch nicht.

Mit wie viel Hab und Gut das Sein zugeschüttet sein kann, demonstriert Das Gedächtnisprotokoll. Da werden auf sechzehn Seiten die gesamten Besitztümer einer bürgerlichen Familie aufgelistet, deren Haus einer Brandstiftung des Gärtners zum Opfer gefallen ist. Dass dabei die Liste als literarisches Mittel neuen Glanz gewänne, lässt sich allerdings nicht behaupten. Was aber an diesen beiden Texten sehr deutlich wird, ist dies: Zwischen Haben und Nichthaben gibt es für die Figuren von Arno Geiger keine geglückte Balance. Seine ganze Dramatik entfaltet dieser Missstand, wenn es, wie in den meisten dieser Erzählungen, um menschliche Beziehungen geht. Liebesversagen und versagte Liebe sind hier die böse Regel, welche der Autor mit kühlem Sarkasmus und ohne sonderliche Anteilnahme für seine Figuren vielfach durchspielt.

In der Titelerzählung wird Ella, eine unlustige Mutter, von ihrer kleinen, sich vernachlässigt fühlenden Tochter gedrängt, Merkzettel in der Wohnung aufzuhängen: »Anna nicht vergessen«. Außerdem hat sich Ella einen Job ausgesucht, bei dem sie sich Männern anbietet, für die sie dann doch nicht zu haben ist - im Auftrag misstrauischer Ehefrauen testet sie die Ehebruchfestigkeit von deren Männern.

Ja, es geht wahrlich sonderbar zu in diesen Erzählungen. Was im Namen literarischer Überraschungskunst ja durchaus zu begrüßen wäre.

Dummerweise lässt sich jedoch allzu oft nicht recht unterscheiden, ob die Figuren mit einer großen Lebensnot zu kämpfen haben oder nur mit ihren kleinen psychischen Macken, mit einer unglücklichen Konstitution oder den manchmal ziemlich rätselhaften Kombinationen ihres Autors.